Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Barbara Derler

Visuelle Repräsentationen: Selbst- und Fremdbilder der Bevölkerung Sarajevos, ca. 1878–1918

Dissertation, Universität Graz, Center für Südosteuropäische Geschichte und Anthropologie, Prof. Dr. Karl Kaser, vorauss. Abschluss Ende 2013, Art der Finanzierung: FWF – österreichischer Wissenschaftsfonds, JungforscherInnenfonds der Steiermärkischen Sparkasse, Kontaktadresse: barbara.derler(at)uni-graz.at 

Erschienen in: Fotogeschichte Heft 126, 2012

Bis heute existiert keine wissenschaftliche Monografie, die sich mit der visuellen Wahrnehmung des südöstlichen Europa beschäftigt. Dies mag verwundern, denn gerade dieser oft negativ konnotierte Balkan steht als Metapher für viele Vorurteile und Stereotype, die um Bedeutungszuschreibungen wie archaisch, halbzivilisiert und kriegerisch kreisen. Wie diese negativen Wahrnehmungen entstanden sind und sich diskursiv festigten, zeichnete Maria Todorova in ihrem Buch Imagining the Balkans anhand schriftlicher Quellen anschaulich nach. Die darin beschriebenen mental images über den Balkan sollen in der Dissertation mit den konkreten pictures in Beziehung gesetzt werden, um den spezifischen Diskurs des Balkanismus anhand von Bildern sichtbar zu machen.

Die Studie widmet sich einer mikrohistorischen Untersuchung zu den Bilderwelten in Sarajevo während der Österreichisch-Ungarischen Präsenz im Lande (1878–1918). Die dürftige Literatur zur Geschichte der Fotografie in Sarajevo verweist darauf, dass in der Stadt die Etablierung des Mediums wesentlich mit der Okkupation im Jahr 1878 verbunden ist. Die ersten Fotoateliers wurden von deutschsprachigen Fotografen gegründet, die mit den militärischen Kräften in die Stadt kamen, oder die sich dort im Zuge einer innermonarchischen Migration niederließen. Dies ging Hand in Hand mit der staatlich forcierten Gründung einer bosnischen Volkskunde am neu erbauten Landesmuseum in Sarajevo (1888), deren Mitarbeiter sich des Mediums Fotografie zur Erschließung des Landes und zur Erfassung der Bevölkerung bedienten. Das Land wurde somit von zugereisten Fotografen und Beamten „fotografisch kolonialisiert“. Auch die wichtigsten Verlagshäuser und Druckereien der damaligen Zeit waren in der Hand von Zuwanderern, die ein Bildmonopol inne hatten, dessen visuelle Codes sich zur Analyse von Fremdkonstruktionen und Heterostereotypien anbieten.

Fotografie als Machtinstrument beinhaltet eine Differenzierung zwischen Eigen- und Fremdgruppen und trägt daher zum sog. ‚Othering’ bei. Die visuellen Dimensionen dieses ‚Othering‘ sollen durch vergleichende Analysen von kommerziellen Bildmedien (Bildpostkarten, Souvenirkarten) und in Textquellen eingebundenen Fremdrepräsentationen (Abbildungen in Reisebeschreibungen und in wissenschaftlichen Untersuchungen) sichtbar gemacht werden und in Hinblick auf ihr Text-Bild-Verhältnis untersucht werden.

Spätestens seit der Writing-Culture-Debatte steht es außer Frage, auch die „untersuchten Subjekte“ selbst zur Sprache kommen zu lassen. In meiner Dissertation sollen daher den stark mit muslimisch-orientalischen Codes besetzten Außenwahrnehmungen die Selbstwahrnehmungen der Sarajler gegenübergestellt werden. Quellenkritisch sei angeführt, dass sich diese Analysen nur auf das Bürgertum beziehen können, da dem Großteil der Bevölkerung die elitäre Studiofotografie verwehrt blieb. Dennoch scheint es untersuchenswert, ob sich die Selbstdarstellungen der bürgerlichen Sarajler von den Fremdrepräsentationen in öffentlichen Medien unterscheiden. Die Oberschicht Sarajevos setzte sich aus Mitgliedern aller drei großen Religionsgruppen (Muslime, Orthodoxe, Katholiken) zusammen und es ist interessant, ob sich diese des Mediums Fotografie gleichermaßen bedienten. Gerade die Analyse von Selbstdarstellungen (verschleierten) muslimischer Frauen könnte Aufschluss darüber geben, wie sehr sich die dem Islam zugeschriebene Bilderskepsis auch in der Bildpraxis behauptete.

Die bisher etwa 800 in diversen Archiven in Wien und Sarajevo gesammelten Fotografien und Bildpostkarten sowie die recherchierten schriftlichen Quellen liefern spärlich aber dennoch Informationen über Fotografen. Mit der Dissertation wird auch der Versuch unternommen, Quellenmaterial zu den Anfängen der Fotografie in Sarajevo zu orten, zu sammeln und diese im (südost-)europäischen Kontext der Fotografiegeschichte zu beleuchten.

 

 

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