Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anton Holzer

Querschnitt durch die zeitgenössische afrikanische Fotoszene

Afrika under the Prism. Contemporary African Photography from Lagos Photo Festival, hg. von Azu Nwagbogu, Berlin: Hatje Cantz, 2015, 486 S., 29,5 x 21 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, broschiert, 45 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 141, 2016

Everyday Africa. 26 Photographers Re-Picturing a Continent, zusammengestellt von Nana Kofi Acquah, Peter DiCampo, Austin Merill und Teun van der Heijden, Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag, 2016, 400 S., 16,5 x 19,2 cm, zahlreiche Abb. in Farbe, gebunden, 39,90 Euro.

An der Wende zum 21. Jahrhundert wurden einzelne Aspekte der afrikanischen Fotografiegeschichte in großen westlichen Museen und Kunsthallen „wiederentdeckt“. Dazu zählten insbesondere die historische und gegenwärtige afrikanische Studiofotografie Westafrikas, die um das Jahr 2000 auf große Resonanz stieß. „In den letzten Jahren“, schrieb ich vor 15 Jahren anlässlich der Ausstellung Flash Afrique, die 2001 und 2002 im deutschsprachigen Raum westafrikanische Studiofotografen vorstellte, „häufen sich in Europa und den USA Ausstellungen zur afrikanischen Fotografie. Ausgewählte Fotografen werden in den großen Kunstinstitutionen vorgeführt, Symposien widmen sich den Fragen des ‚Anderen’ und der ‚Differenz’, der westliche Kunstmarkt kauft in Afrika billig ein, um neue Produkte in die Kataloge zu bringen. ‚Manchmal denke ich’, sagt der aus Ghana stammende Fotograf Philip Kwame Apagya in einem Interview mit Tobias Wendl, ‚daß die Europäer die Freude an der Fotografie verloren haben und daß sie mich einladen, um diese Freude wiederzufinden.’ Und er ergänzt: ‚Als Afrikaner ist man in Europa übrigens immer irgendwie verdächtig und wird von der Polizei oft kontrolliert.’ Kwame Apagya hat, so erzählt er, für seine Fotografien in Amerika einen Preis bekommen. Aber zu einer Ausstellung wurde er dort noch nie eingeladen. Das ist, so scheint es, die Funktionsweise von Projektionen: man kennt die Fotos aus der Ferne, ihr Import erfolgt in Form von ästhetischen Appetizern, Fotograf und kultureller Hintergrund können aber ruhig dort bleiben, wo sie sind, in der Ferne.“ (Fotogeschichte, Heft 84, 2002)

Hat sich seither etwas an der neokolonialen Aneignung der afrikanischen Fotografie und Fotogeschichte geändert? Ja und nein. Immer noch führt die erfolgreiche Rezeption afrikanischer Fotografen über westliche Galerien und Museen. Aber es gibt auch Veränderungen. In den letzten Jahren bildete sich eine Reihe innerafrikanischer Drehscheiben im Bereich der (v.a. zeitgenössischen) Fotografie heraus. 1994 wurde in Bamako (Mali) unter dem Namen „Rencontres africaines de la photographie“ ein alle zwei Jahr stattfindendes international vielbeachtetes Fotofestival gegründet, das längst zu einem wichtigen Treffpunkt der (west-)afrikanischen Fotoszene geworden ist. Einige „Entdeckungen“ dieses Festivals wurden etliche Jahre später in europäischen und nordamerikanischen Fotoinstitutionen gezeigt. Der seit 2012 herrschende Bürgerkrieg, der das Land in eine tiefe Krise stürzte, zwang die Festivalleitung, die Veranstaltung auszusetzen, erst 2015 fand das Festival neuerlich statt.

2010 wurde in Lagos, der Millionenmetropole Nigerias, ein weiteres erfolgreiches  Fotofestival gegründet, das Lagos Photo Festival. Im selben Jahr fand erstmals auch das „Addis Foto Fest“ in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abbeba statt. Während ersteres sich international rasch als vielfältig vernetzte Großveranstaltung im Bereich der zeitgenössischen afrikanischen Fotografie etablierte und den internationalen Austausch forcierte, nahm sich das kleinere „Addis Foto Fest“ auch neuer, weniger kanonisierter Aspekte der Fotoentwicklung an. Der für Ende dieses Jahres angekündigte Band Everyday Africa. 26 Photographers Re-Picturing a Continent zeigt in zahlreichen Instagram-Bilder, die 2012 bei einem Onlinefotowettbewerb im Rahmen von „Addis Foto Fest“ eingeschickt wurden, einen interessanten und ungewohnten Querschnitt durch die afrikanische Alltagsfotografie. Präsentiert wurden diese Bilder – zusammen mit ausgewählten Instagram-Kommentaren – in Städten wie New York, Istanbul, Dehli und Cambridge, aber, das fällt auf, außer in Casablanca in keiner weiteren Stadt auf dem afrikanischen Kontinent.

Auch das größere „Lagos Photo Festival“  hält in Form eines opluenten, üppig bebilderten Katalogs Rückschau auf das letzte Jahrfünft. In zahlreichen Bildern mehrerer dutzend Fotografen lässt der Band die Festival-Präsentationen der letzten Jahre Revue passieren. Dabei fällt auf, dass das Programm bewusst auf eine Mischung von afrikanischen Fotografen und internationalen Positionen setzte, die, so formuliert es der Festival-Gründer Azu Nwagbogu im Vorwort, miteinander in einen produktiven Dialog gesetzt werden sollen. Das Vorhaben, in einem Querschnitt von fünf Jahren Ausstellungsgeschichte auch eine Querschnitt durch die zeitgenössische afrikanische Fotografie zu liefern, gelingt nur zum Teil: zu disparat und unvermittelt stehen die einzelnen fotografischen Positionen im Katalog nebeneinander. Zu wenig Einordnung und gesellschaftspolitische Kontextualisierung der Bilder und Fotografen wird im Textteil mitgeliefert. Dadurch besteht die Gefahr, dass der das Bild des kunterbunten, chaotischen Afrika verstärkt wird, das allerorten kursiert. Das ist schade.

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