Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Franziska Lampe

Splendid Material

Fotografische Praxis und Bildgenese im Werk von Lyonel Feininger

 

Erschienen in: Fotogeschichte 163, 2022

Dissertation, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Erstbetreuung: Prof. Dr. Henry Keazor, Zweitbetreuung: Prof. Dr. Lars Blunck (Akademie der Bildenden Künste Nürnberg), Bearbeitungsbeginn: Januar 2013, Einreichung: August 2019, Verteidigung: April 2020, Finanzierung bis November 2018 Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut und Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg. Kontakt: f.lampe(at)gmx.net

 

Lyonel Feininger (1871–1956) stand der Fotografie lange kritisch gegenüber und zeigte sich besorgt ob der zunehmenden ‚Technisierung‘ der Künste. Es ist daher umso erstaunlicher, dass gerade er ein Konvolut von ca. 20.000 Foto-Objekten hinterlassen hat. Diese enorme Anzahl ist Beleg seiner doch offensichtlich intensiven Auseinandersetzung mit dem Fotografischen. Die Dissertation widmet sich aus diesem Grund dem fotografischen Werk von Feininger, der bislang vor allem als Maler und Bauhaus-Akteur bekannt ist, und stellt seine oft übersehenen fotografischen Praktiken als selbstständigen Teil seines Werkes ins Zentrum der Untersuchung. Um sowohl seine künstlerischen Experimente sowie seinen allgemeinen Gebrauch des Mediums zu analysieren und zu interpretieren, werden zunächst die auf ganz unterschiedliche internationale Bildarchive verteilten Fotografien identifiziert und bestimmt. Dabei werden die fotografischen Arbeiten innerhalb der kunstästhetischen und fototheoretischen Diskurse seiner Zeit sowie vor der (Technik)Geschichte der Fotografie verortet. Das Vorhaben greift somit elementare Fragen zu Feiningers Bildreflexion auf, indem es die unterschiedlichen Bildmedien in ihren konstitutiven künstlerischen, politischen und sozialen Bezügen in den Blick nimmt.

In Erweiterung und Ergänzung von Ansätzen wie dem Ausstellungsprojekt in Harvard von Laura Muir im Jahr 2011, das einen Schwerpunkt auf seine künstlerischen Fotografien zwischen 1928 und 1939 legte, sowie der damit verbundenen Digitalisierungskampagne des gesamten Negativbestandes und Arbeiten von Wolfgang Büche zu den Halle-Serien des Künstlers an der Moritzburg, die das Thema ab den frühen 1990ern überhaupt erstmals aufs Tableau der Feininger-Forschung brachten, werden Feiningers Fotografien nun umfassend als eigenständige Praxis diskutiert. Denn als biografischer Akt, Skizze für Gemälde, Experimentierfeld künstlerischen Ausdrucks oder als Dokument des eigenen Schaffens, etwa in Form von Werkreproduktionen, übernimmt das mediale Dispositiv zentrale Funktionen in seinem Werk, und zwar bereits ab ca. 1900 bis in die 1950er Jahre. Feiningers fotografische Praktiken führen vom Schnappschuss über die Motivaneignung – zu einer Interpretation des visuellen Vokabulars der Fotoavantgarde und werden schließlich zu einem Medium der Erinnerung und Aneignung im New Yorker Exil.

Ausgehend von der individuellen Materialität fotografischer Bilder werden dabei auch die unterschiedlichen bildgebenden Verfahren und Kameras, die Feininger eingesetzt hat, untersucht: vom Rollfilm in der Boxkamera, über das Glasplattennegativ in der Voigtländer zum Farbdiapositiv. Durch diese Analysen wird nicht nur eindrücklich sichtbar, welche Retuschen Feininger an den Bildern vorgenommen hat, sondern auch, wie das Fotografische seine malerische Auffassung und Bildreflexion geprägt hat. Denn ein Aspekt, den Feininger an der Arbeit mit der Fotografie offenbar besonders zu schätzen wusste, war die Kontrolle über den Herstellungsprozess des Bildes. Damit setzte er sich bewusst und deutlich von einer Auffassung der Fotografie als einfachem Reproduktionsmittel ab; bezeichnete seine Fotografien selbst einmal als „Splendid Material“. Gerade in der Dunkelkammer widmete er sich mit großer Akribie der Gestaltung des Abzugs, achtete sorgfältig auf die Tonwerte und Papierqualitäten (siehe Abb.). Eine Fertigkeit, mit der er als ehemaliger Leiter der Druckgrafik am Bauhaus bestens vertraut war.

Es schien lange so, als läge gleich einem Passe-Partout eine gewisse, bereits etablierte Vorstellung von Feininger als Maler über dem Künstler, die eine traditionelle Interpretation seines Werks privilegiert. Um dieser simplifizierenden Sichtweise entgegenzutreten, die viele Aspekte seiner Arbeitspraxis verdeckt, die sich an den vermeintlichen ‚Rändern‘ abspielt, wird die Fotografie in dem Forschungsprojekt als Agens der Moderne auf vielschichtige Weise beleuchtet. Nicht zuletzt wird danach gefragt, welche Rolle sie bei einer sich wandelnden Wahrnehmung und Artikulation von Visualität in den Künsten (der Avantgarde) spielt und welche nachhaltigen Auswirkungen das auf die heutige Rezeption des Werkes von Lyonel Feininger hat.

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