Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Reiner Hartmann

Die Leidenschaft der Agenten

Phoebe Kornfeld: Passionate Publishers. The Founders of the Black Star Photo Agency, Bloomington, Indiana: Archway Publishing, 2021, 483 Seiten, 15,24 x 22,90 cm, 38 Abb., gebunden, 39,90 Dollar

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 164, 2022

Das berühmte Kürzel B.S. hinter den großen Fotografennamen: Bosshard, Capa, Crane, Smith usw. fand sich fast in jeder großen amerikanischen Illustrierten der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Black Star Publishing Company INC. war ab 1935 die aufstrebende New Yorker Bildagentur der europäischen Emigranten und bald auch der neuen amerikanischen Talente. Wer die Hintergründe über diese Agentur erfahren wollte, stieß bisher nur auf spärliche Quellen. 1984 veröffentlichte die amerikanische Medienwissenschaftlerin C. Zoe Smith das Conference Paper „The History of Black Star Picture Agency: Life’s European Connection“, das auf kaum verifizierbare Interviewauskünfte von Zeitzeugen zurückgriff. In Truth needs no Ally, einer Abhandlung über den Bildjournalismus, gab Howard Chapnick, der von 1964 bis 1989 Präsident von Black Star war, wenig mehr über die Agenturgeschichte und -praxis preis. 1997 brachte der Essener Bildredakteur Hendrik Neubauer einen Bildband über 60 Jahre Black Star in Bildern heraus. Für seinen Begleittext gab er keine Belege an, hatte aber die Chance, vor Ort zu recherchieren und Chapnick zu interviewen. 2013 gab Michael Torosian im Verlag Lumière Press einen Essay heraus, der das historische Archiv von Black Star, das sich inzwischen im Ryerson Image Center in Toronto befindet, würdigen sollte. All diese bisherigen Texte hinterließen große Lücken und forderten eher zu mehr Recherche heraus als dass sie das Thema umfassend behandelten.

Mit Passionate Publishers legt Phoebe Kornfeld nun ein 483 Seiten umfassendes biografisches Werk über die drei deutschen Gründer von Black Star – Ernest Mayer, Kurt Safranski und Kurt Kornfeld – vor. Die amerikanische Autorin war in ihrem aktiven Berufsleben eine im Staatsrecht international tätige Anwältin und ist die Enkelin des gleichnamigen Verlegers. Kornfeld erzählt die drei Gründergeschichten parallel, zeitlich linear in drei großen Teilen, sieben Kapiteln und 38 Unterkapiteln: Die Werdegänge der Protagonisten in den ersten Lebensdekaden in Kaiserreich, im Erstem Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Dann die ersten zehn Jahre im amerikanischen Exil, in denen die neu gegründete Agentur gegen Krieg und Spionageverdacht bestehen musste. Und schließlich die letzte Dekade mit aufkommenden persönlichen Differenzen, aber einer konsolidierten Arbeitsteilung im Unternehmen bis hin zum Ruhestand der drei Gründer. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung, es folgen in Unterkapiteln die drei Personengeschichten und es schließt jeweils mit einem Fazit und den Quellenangaben ab. Zwei Bildstrecken zeigen persönliche Fotos der drei Gründer. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Anhang, der die vor Black Star erschienenen Publikationen von Mayer, Safranski und Kornfeld auflistet, einer Liste der Magazinveröffentlichungen sowie einer Literaturliste.

Diese konsequente Struktur des Textes erzählt am Beispiel der drei Figuren stellvertretend die Geschichte jüdischer Flüchtlinge, die nach Lebensgefahren durch Krieg, Verfolgung und Emigration eine neue Existenz in den Vereinigten Staaten aufbauten. Das Buch schreibt aber auch die Geschichte von sehr unterschiedlichen Unternehmerpersönlichkeiten, die, gestützt auf ihre starke Familienbande, ihre Erfahrungen und ihre Fähigkeiten in ein erfolgreiches Unternehmen einbringen konnten. Neudeutsch gesprochen: Der Controller Ernest Mayer, der Personalentwickler Kurt Kornfeld und der Kreative Kurt Safranski waren für den Erfolg von Black Star verantwortlich. Um diese Einschätzungen und Entwicklungen zu belegen, hat Kornfeld eine beeindruckende Recherchearbeit geleistet. Dabei ist der Abschnitt über die FBI-Ermittlungen wegen Spionageverdacht in den letzten Kriegsjahren besonders gelungen. Insgesamt fügt sie diesem Teil der Fotogeschichte viele lesenswerte Details hinzu.

Aber sollte es nicht auch um Fotografie und Leidenschaft gehen? Kornfeld setzt die Kenntnisse über die Fotografieauffassung der Gründer, über die Fotografen selbst, über ihre Arbeitsbedingungen und ihren Stellenwert in der Fotografiegeschichte, aber auch über die mediale Bedeutung von Dokumenten und Essays in der amerikanischen Gesellschaft, über das mediale Netzwerk der Agentur und der von ihr belieferten Zeitschriften offensichtlich voraus. Black Star war nicht Magnum, startete nicht als idealistische Fotografenagentur. Bei Smith ist zu lesen, dass Werbekunden die Existenz der Agentur absicherten und die freien Arbeiten erst möglich machten. Der Leidenschaft ist nur nachzuspüren, wenn auch die alten Magazine in Griffnähe sind. Das Buch fügt der Fotografiegeschichte viele biografische Details über Mayer, Safranski und Kornfeld hinzu. Aus deutscher Sicht werden hier weitgehend unbekannt gebliebene Medienschaffende zurecht ins Blickfeld gerückt. Die Bedeutung des fotografischen Nachlasses, von dem ein großer Teil heute im Ryerson Image Centers in Toronto aufbewahrt wird, sollte vor dem Hintergrund dieser Biografien weiter erschlossen werden.

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