Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anna Gielas

Bilder aus der Arktis

Die Anfänge der grönländischen Fotografie

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 166, 2022

 

John Møller (1867–1935) gilt als der erste grönländische Fotograf (siehe Abb.). Obgleich er als Junge zu jagen gelernt hatte, spielte diese elementare wie traditionelle Tätigkeit der Inuit in seinem Erwachsenenleben keine Rolle mehr. Der Inuk mit dänischen und norwegischen Vorfahren bestritt seinen Lebensunterhalt über drei Jahrzehnte lang mit der Fotografie.[1] In seinem Atelier im grönländischen Godthåb (der heutigen Hauptstadt Nuuk) stellte er mehr als dreitausend Glasplattennegative her.[2] Sie dokumentieren sowohl das Leben der dänischen Kolonialherren auf Grönland als auch den Alltag der Inuit um die Wende zum 20sten Jahrhundert – und eröffnen einen kultur- sowie sozialhistorischen Zugang zu der damaligen Gesellschaft Grönlands.

Die dänische Kolonialisierung begann in den 1720er Jahren: Die Dänen etablierten den Tauschhandel mit den Inuit und begannen ihre Missionierung. Seit 1774 besaß das dänische Staatsunternehmen Den Kongelige Grønlandske Handel nicht nur das Handelsmonopol auf Grönland, sondern stellte auch die Verwaltung der Insel. An ihrer Spitze standen jeweils zwei Königliche Inspekteure, von denen einer für Nordgrönland und einer für Südgrönland zuständig war.[3] Als die Handels- und Missionsstation sowie das Verwaltungszentrum diente Godthåb im Süden der Insel. Zu Møllers Lebzeiten stieg das Interesse der Kolonialherren an den Bodenschätzen seiner Heimat. So sondierte beispielsweise der renommierte Schweizer Geologe Arnold Heim im Auftrag Den Kongelige Grønlandske Handel die mineralogischen Vorkommen auf Grönland.

Aufgrund seiner europäischen Vorfahren gehörte Møller zur oberen Schicht der grönländischen Gesellschaft, die auch den Respekt der dänischen Kolonialverwaltung genoss.[4] Neben seiner grönländischen Muttersprache sprach Møller fließend Dänisch, was ihm ermöglichte, seine Ausbildung in Dänemark zu absolvieren. Auf Ermunterung des Königlichen Inspekteurs Carl Ryberg ging Møller nach Kopenhagen, wo er unter anderem Typografie, Druck und Radierung in der Druckerei A. Rosenberg lernte; seine Fotografen-Lehre machte Møller im Atelier von Gustav Pauli.[5] Nach seiner Rückkehr nach Grönland im Jahr 1889 eröffnete er das Fotostudio Nûngme Tarrarssugkanik Ássilialiorfik in Godthåb.[6] Die Kolonialverwaltung unterstützte ihn durch die Bereitstellung der technischen Gerätschaft und der Fotoausrüstung, aber auch, indem sie Møller europäischen Polarforschern und Gastwissenschaftlern empfahl, darunter dem norwegischen Nobelpreisträger Fridtjof Nansen und dem bereits erwähnten Schweizer Geologen Albert Heim. Møllers Fotografien erschienen in den Büchern beider Männer.[7]

 

Møllers Werk

Møller erhielt hauptsächlich Aufträge von Dänen, die sich sowohl in Møllers Studio als auch in ihrem Zuhause von dem Fotografen ablichten ließen. Die Aufnahmen in den Häusern der dänischen Kundschaft wirken intim und besitzen einen starken biografischen sowie erzählerischen Kontext. Im Gegensatz dazu sind die in Møllers Atelier geschossenen Porträts deutlich spartanischer: Eine kahle, helle Wand diente hier als Hintergrund; der Holzboden war weder mit einem Teppich ausgelegt noch verfügte das Atelier über anderweitigen Zierrat. Auf den Aufnahmen, die Møller hier machte, sind gar keine oder nur wenige Möbel zu sehen.

Die Tatsache, dass der Fotograf seiner Kundschaft Anweisungen für bestimmte Posen, Bewegungen und das Stillhalten erteilte, verdient in Møllers Fall durchaus unsere Aufmerksamkeit. Møllers fotografische Inszenierung wird besonders deutlich in dem Werk, das verkleidete Dänen darstellt. Das Bild könnte mit Fastelavn zusammenhängen, der dänischen Tradition des Verkleidens, das jedes Jahr im Februar stattfindet. Es könnte auch durch die grönländische Tradition des Mitaartut inspiriert sein, bei der sich die Inuit verkleiden, was jedoch weniger wahrscheinlich ist, weil es sich bei den Personen auf dem Foto um eine Pastorenfamilie handelt.[8] Møller choreografierte seine dänischen Kunden. Hier wurde nicht der koloniale Untertan in Szene gesetzt, wie es in den unzähligen ethnografischen Fotografien der Europäer um die Jahrhundertwende Konvention war – vielmehr war Møller derjenige, der seine Kolonialherren in Bewegung und Bewegungslosigkeit verwies. Dadurch besitzt Møllers fotografische Tätigkeit ein Stück weit einen subversiven Charakter: Die Momente, in denen die Dänen ihre Autonomie an den Fotografen Møller abtraten, stellten kurzweilige Anomalien im kolonialen Machtgefüge und der sozialen Hierarchie Grönlands dar. Hier zeichnet sich eine politische Dimension des Fotografenberufes ab.

Die Inuit auf Møllers Fotografien sind dagegen hauptsächlich in alltäglichen Situationen dargestellt. Äußerst selten sind Bilder, die das Hausinnere der indigenen Grönländer zeigen. Stattdessen sind sie meistens bei Aktivitäten im Freien zu sehen, etwa beim Einbringen ihres Fischfangs. Weil diese Aufnahmen nicht gestellt sind, sind sie weniger scharf und von schlechterer Qualität. Auf einigen Fotografien ist von vielen Inuit nur der Rücken zu sehen, wenn sie etwa in ihre Verhandlungen auf dem Fischmarkt vertieft sind. Dies erzeugt einen starken Kontrast zu den bereits erwähnten ethnografischen Fotografien, die auch die europäischen und russischen Polarfahrer der damaligen Zeit produzierten. Dafür benutzten sie meist en-face-Ansichten vor einem neutralen Hintergrund. Die abgelichtete Person wurde aufgefordert, bewegungslos zu verharren. Diese Fotografien sollten die körperlichen aber auch kulturellen Eigenheiten der indigenen arktischen Völker vermitteln, die sich in Kleidung, Schmuck, Länge der Kopfbehaarung, ihren Frisuren und anderen Elementen zu erkennen gaben. Die Dargestellten standen pars pro toto für ihre Kultur. Diese Darstellungsweise ermöglichte den Polarforschern einen schnellen Vergleich, stellte die Fotografierten jedoch als „generische Exemplare“ und „taxonomische Einheiten“ dar.[9] Eine solche ethnografisch orientierte Fotografie war es, mit der Nansen auf Empfehlung von Ryberg den jungen Møller am Anfang seiner Karriere im Jahr 1889 beauftragt hatte.[10]

Ein nennenswertes Gegenbeispiel ist Møllers Fotografie des indigenen Robbenjägers im Profil. Die Fotografie zeigt den Mann mit seinem Kajak, sein Blick schweift über Land und Meer. Møller machte mehrere Aufnahmen von Kajakfahrern. Diesen Fotografien kommt eine besondere Bedeutung zu, weil jene Inuit, die für die Missionsstation arbeiteten oder bei DenKongelige Grønlandske Handel angestellt waren, ihren Kindern das Kajakfahren nicht länger beibrachten.[11] So dokumentieren Møllers Aufnahmen hier eine indigene Tradition, die nicht länger die grönländischen Inuit vereinte – eine durch die koloniale Herrschaft bedingte Entzweiung. Møllers Foto von dem Robbenjäger mit dem Kajak ist also indirekt auch ein Symbol des Verlusts einer elementaren Inuit-Tradition. Die hier abgebildete Fotografie des Kajakfahrers sowie andere von Møllers Werken wurden in europäischen Ländern zu Postkarten verarbeitet und verkauften sich als arktische Ephemera – darunter auch in der Schweiz. Hierfür ist der zuvor erwähnte Geologe Heim verantwortlich, den Møller bei seiner Suche nach grönländischen Rohstoffen im Sommer 1909 kennenlernte.

 

Schlussbemerkung

Einerseits ließe sich Møller der Vorwurf machen, dass er mit seinen ethnografischen Aufnahmen für Europäer wie Nansen symbolische Gewalt an den grönländischen Inuit perpetuierte. Andererseits sprach Møller den alltäglichen Tätigkeiten der Inuit sowohl kulturelle Bedeutung als auch ästhetischen Wert zu, indem er sie wiederholt nach eigenem Gutdünken statt auf Anweisung der Europäer fotografierte. Diese potenziellen Widersprüche machen Møllers visuelles Œuvre vielschichtig und komplex – und relevant für heutige Künstler, darunter die grönländischen Fotografen Inuuteq Storch und Minik Bidstrup. Sie benutzen Møllers Werke in ihren eigenen Arbeiten, um u.a. einzelne Entwicklungen der grönländischen Gesellschaft sichtbar zu machen und diese gesellschaftlichen Phänomene zu hinterfragen. Das Gros von Møllers Fotografien befindet sich heute in der Sammlung des Grönländischen Nationalmuseums (Nunatta Katersugaasivia Allagaateqarfialu) in Nuuk.

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[1] Anmerkung: Inuk („der Mensch“) ist die Singularform des Wortes Inuit („die Menschen“) aus der Inuktitut-Sprache. Als Inuit wird eines der indigenen arktischen Völker bezeichnet, das neben Grönland u.a. auch in arktischen und subarktischen Gebieten Kanadas beheimatet ist.

[2] Ingeborg Høvik: Reproducing the indigenous: John Møller’s studio portraits of Greenlanders in context, in: Acta Borealia, 33. Jg., Heft 2, 2016, S. 166–188, hier S. 166.

[3] Mehr über das Handelsmonopol und die Verwaltungsstrukturen der Insel: Lea Pfäffli: Arktisches Wissen. Schweizer Expeditionen und dänischer Kolonialhandel in Grönland (1908–1913), Frankfurt/New York 2021, S. 112 ff.

[4] Høvik, (Anm. 2), S. 167.

[5] Høvik, (Anm. 2), S. 172.

[6] Inge Kleivan: The Greenlandic Photographer John Møller, in: Imaging the Arctic, J. C. H. King, Henrietta Lidchi (Hg.), London 1998, S. 106–115, hier S. 109.

[7] Martin Rikli, Arnold Heim: Sommerfahrten in Grönland, Frauenfeld 1911. Fridtjof Nansen: Paa Ski over Grønland: En Skildring af Den Norske Grønlands-ekspedisjon 1888–89, Kristiania 1890.

[8] Schriftliche Auskunft der Archivarin Kirstine Møller vom Nunatta Katersugaasivia Allagaateqarfialu vom 6. September 2021.

[9] Høvik, (Anm. 2), S. 178.

[10] Høvik, (Anm. 2), S. 174.

[11] Kleivan, (Anm. 6), S. 114 f.

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