Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Nicola Hille

John Heartfield – Pionier der politischen Fotomontage

Anthony Coles: John Heartfield. Ein politisches Leben, Köln: Böhlau Verlag, 2014, 402 S., 15,5 x 24,6 cm, 505 Abb. in S/W, geb., 39,90 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, heft 137, 2015

Die vorliegende Monografie über John Heartfield, die konzeptionell als Werkbiografie angelegt ist, entstand nach 45-jähriger Recherche in zahlreichen Bibliotheken und Archiven Europas sowie den USA und Russland als Lebenswerk des britischen Autors Anthony Coles. Bevor John Heartfield 1968 in Ostberlin verstarb, hatte Coles noch die Gelegenheit, den Künstler 1967 persönlich kennenzulernen. Kurz nach dessen Tod begann der Autor dann mit seinen Recherchen und besuchte erstmals 1969 als Student im damaligen Ostberlin die Deutsche Akademie der Künste. Da es zu dieser Zeit noch kein Heartfield-Archiv gab, war es nahezu unmöglich, fachliche Auskünfte über den Künstler zu beziehen. Neuen Aufwind bekam die Heartfield-Forschung, so Coles, erst mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der deutschen Wiedervereinigung. In dieser Zeit entdeckte der Autor bei seinen Recherchen in den Berliner Archiven ein Konvolut von neuen Dokumenten, welche ausschlaggebend für die vorliegende Publikation wurden.

Coles Zielsetzung, den Künstler John Heartfield einem breiten und interessierten Publikum nahezubringen, wird schrittweise in elf Kapiteln in chronologischer Reihenfolge umgesetzt. Im ersten Kapitel schildert der Autor die frühen Lebens- und Berufsjahre von John Heartfield, im zweiten Kapitel widmet er sich der Zeit des Ersten Weltkriegs und dessen Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen von Heartfield. Im dritten und vierten Kapitel befasst sich der Autor zunächst mit dem Malik-Verlag von Wieland Herzfelde und der Dada-Bewegung, um im fünften Kapitel die Auftragsarbeiten Heartfields für die KPD und KPD-nahe Publikationen zu erläutern und im sechsten Kapitel die Buchgestaltungen für den Malik-Verlag vorzustellen. Das siebte Kapitel ist den Theaterproduktionen von Max Reinhardt und Erwin Piscator gewidmet und im achten Kapitel werden Heartfields politische Fotomontagen in exemplarischen Detailstudien vorgestellt. Daran schließt sich im neunten Kapitel die Auseinandersetzung mit den internationalen Ausstellungen und Auslandsbesuchen John Heartfields an; mit einer Überleitung zum zehnten Kapitel, das die Exilzeit in London von 1938 bis 1950 behandelt. Das elfte und letzte Kapitel beleuchtet abschließend Heartfields Rückkehr in die DDR.

Die einzelnen Kapitel weisen eine unterschiedliche Qualität hinsichtlich der Schärfe der Analysen und der Kontextualisierungen des Autors auf. Positiv hervorzuheben ist in jedem Fall das Kapitel über Heartfields Exil in London von 1938 bis 1950. Die Aufarbeitung und Darstellung dieser Zeitspanne fußt auf neuem und interessantem Quellenmaterial, mit dem gezeigt werden kann, dass Heartfield auch in Großbritannien künstlerisch sehr produktiv gewesen ist.

Das breite Spektrum von Heartfields künstlerischem Schaffen wird anhand seiner verschiedenen Tätigkeitsfelder beleuchtet. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Bühnenbildner für Max Reinhardt und Erwin Piscator war Heartfields Haupteinnahmequelle in den 1920er Jahren seine Arbeit für den Malik-Verlag. In den 1930er Jahren, vor allem in der Zeit von 1932 bis 1938, arbeitete er hingegen hauptsächlich für die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ). Mit der Analyse der politischen Fotomontagen für die AIZ befasst sich Coles im achten Kapitel sehr detailliert. Verdienstvoll ist sein Hinweis, dass von den insgesamt 237 Fotomontagen, die Heartfield zu einer Vielzahl von Themen entwarf, lediglich 37 in Deutschland hergestellt wurden. Der Großteil seiner Arbeiten entstand demnach im politischen Exil. Dies kann exemplarisch an der Arbeiter Illustrierte Zeitung aufgezeigt werden, die zunächst zwischen 1921 und 1933 in Berlin herausgegeben wurde, von 1933 bis 1938 dann jedoch im Prager Exil erscheinen musste. Begründer und verantwortlicher Redakteur war der deutsche kommunistische Verleger Willi Münzenberg, der zu den einflussreichsten Vertretern der KPD in der Weimarer Republik gehörte. Zu seinem Konzern gehörten nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Theater und Kinos, Verlagshäuser, Fotoarchive sowie Foto- und Filmverleih-Agenturen. Mit der AIZ erreichte Münzenberg eine Breitenwirkung, die es auch Heartfields Arbeiten ermöglichte, von einem großen Publikum wahrgenommen zu werden.

Im Alter von 48 Jahren emigrierte Heartfield ein weiteres Mal, diesmal von Prag nach London. Dort verblieb er 12 Jahre, bis zu seinem 60. Lebensjahr. Coles hat vor allem für die Londoner Jahre zahlreiche neue Quellen zusammengestellt, die Heartfields künstlerische Arbeit in England näher beleuchten.

Bis in die heutige Zeit ist die Fülle von Heartfields Arbeiten und der Umfang seines Nachlasses atemberaubend. Dies mag auch die Ursache dafür sein, dass die ersten größeren Ausstellungen zu John Heartfield, die sich mit dessen Gesamtwerk auseinander setzten, erst viele Jahre nach seinem Tod stattfanden. Die Materialfülle mag auch für Anthony Coles der Grund gewesen sein, für seine Werkbiografie zu John Heartfield über einen Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert zu recherchieren. Leider sind die insgesamt 505 S/W-Abbildungen, die der Autor für seine Publikation ausgewählt hat, vom Verlag in ein sehr kleines Format gebracht worden. Da es kein Abbildungsverzeichnis gibt, erweist sich die Suche nach den einzelnen Bildquellen zudem mitunter als sehr umständlich. Ob die Zielsetzung des Autors, den Künstler John Heartfield einem breiten und interessierten Publikum nahezubringen, tatsächlich gelungen ist, wird die spätere Rezeption zeigen.

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