Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Judith Riemer

Möglichkeitsraum Fotoalbum

Gestalterische Strategien von Künstler*innen in den 1920er und 1930er Jahren

Dissertation, Folkwang Universität der Künste Essen, Fachbereich Gestaltung, Theorie & Geschichte der Fotografie, Prof. Dr. Steffen Siegel – Kontaktadresse: judithriemer(at)gmx.de

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 161, 2021

Das Anlegen eines Fotoalbums war – im Gegensatz zu heute – in den 1920er und 1930er Jahren eine weit verbreitete Praxis, derer sich auch Künstler*innen bedienten. Die Gesellschaft der Weimarer Republik war geprägt von einem Aufbruchsgeist. Einige Künstler*innen begriffen die Fotografie als Leitmedium für den gesellschaftlichen und politischen Wandel und riefen mit Slogans wie „Nicht mehr lesen! Sehen!“[1] eine Kultur des Visuellen aus. Das fotografische Bild wurde zum Gestaltungsmittel aufgewertet und fand vermehrt Einzug in das Buch und die Presse. Die Erforschung dieses Zeitraums kann somit Aufschluss geben über den Wandel im Umgang mit Fotografien in den genannten Medien. Dieser vollzog sich aufgrund technologischer Entwicklungen, die neue formalästhetische Möglichkeiten eröffneten. Zugleich veränderte auch die Einbeziehung der Fotografie die Aufgabenfelder im Druckwesen und ließ Berufe wie den Typografen erst entstehen. Die von der Avantgarde angestrebte „Befreiung von der räumlichen Ordnung des Bleisatzes“[2], die eine „vollkommene auflockerung des ganzen optischen bildes“[3] ermöglicht hätte, war jedoch mit dem Offset-Druck erst ab den 1940er Jahren technisch ausgereift und stand den „Neuen Typographen“ noch nicht zur Verfügung.[4]

Fotoalben finden bisher in den meisten Disziplinen vor allem Beachtung als historische Quellen, aus denen sich Informationen zu verschiedensten Aspekten ziehen lassen, z.B. für kulturwissenschaftliche, soziologische oder historische Fragestellungen.[5] Dabei wurden bislang vor allem Fotoalben von Amateuren und Knipsern untersucht, während die Alben von Künstler*innen vor allem hinsichtlich der Vervollständigung biografischer Angaben und Netzwerke ausgewertet wurden. Ausnahmen bilden die Forschungen von Torsten Blume, der Fotoalben einiger Bauhaus-Schüler auch hinsichtlich gestalterischer Kriterien in den Blick nimmt. Er bescheinigt den Schülern einen experimentierenden Umgang mit den fotografischen Bildern und schlägt in seinen Ausführungen eine Brücke vom Fotoalbum über die Druckvorlage zum gedruckten Buch, ohne diesen Aspekt jedoch weiter zu beleuchten.[6] Diesen Ansatz möchte ich auch in meinem Dissertationsprojekt verfolgen und insbesondere mit der Erweiterung der Materialbasis über das Bauhaus hinaus dazu beitragen, bestehende Lücken in der Erforschung von Fotoalben zu schließen.

 

Strategien im Umgang mit fotografischem Material

In meinem Dissertationsprojekt soll das Album nicht nur als Aufbewahrungsort für fotografische Bilder gedacht werden, sondern als Medium, in dem visuelle und grafische Anordnungen ausprobiert werden konnten. Ausgangspunkt meiner Forschung sind Fotoalben von Schüler*innen des Staatlichen Bauhauses Dessau und der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein Halle (Saale) wie z.B. Lisbeth Oestreicher, Wolfgang Köppe, Fritz Schreiber, Gerda Leo und Werner Rohde. Weitere dem jetzigen Stand der Recherche nach einzubeziehende Fotoalben stammen von Künstler*innen wie Kurt Schwitters, Albert Renger-Patzsch, August Sander, Ruth Hallensleben und El Lissitzky. Um den Fotoalben als Unikate und gestalterische Einheiten gerecht zu werden, sollen die Strategien der Künstler*innen im Umgang mit den Fotografien exemplarisch herausgearbeitet werden. In einem ersten Schritt geht es darum, die jeweilige Nutzung und Funktion des Albums für die Person zu bestimmen. Ist das Album als persönliches Erinnerungsstück angelegt, ähnlich einem Tagebuch? Soll es familiäre Zusammenhänge bewahren? Oder ist das Album Werkzeug für kreativ-künstlerische Versuche oder dient als Hilfsmittel zur Systematisierung der eigenen Arbeiten? Häufig lassen sich die Nutzungen nicht nur einer Kategorie zuordnen.

Die Alben befinden sich an der Schnittstelle zwischen privat und öffentlich, zwischen persönlichem und künstlerischem Ausdruck und passen somit in keine der gängigen Albumtypen, die die Albumforschung bisher entworfen hat. Nicht nur diese Ambiguität macht sie zu einem faszinierenden Forschungsgegenstand, sondern auch der in ihnen zu beobachtende Umgang mit dem fotografischen Material. Die Einklebealben der Zeit bieten den Albumautor*innen mit ihren leeren Seiten vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung und Nutzung. Die individuellen Intentionen der Albumautor*innen treten in den Montagen am deutlichsten hervor, weshalb die Alben in einem zweiten Schritt hinsichtlich der Montage des Materials analysiert werden.

Mit Schere und Leim stellen die Künstler*innen ganz individuell Fotografien zueinander in Beziehung. Oftmals werden die fotografischen Bilder in den Alben zu kompositen Bildgefügen montiert. Diese sollen im Verhältnis zur Doppelseite als der zugrunde liegenden Gestaltungsfläche und -raum in den Fokus der Analysen gerückt werden. Diese medienspezifische Ordnungs- und Zeigeform soll in ihrer Funktionsweise als „Mutation“, in der sich „Eigenschaften des Buches mit denen der Ausstellungswand rekombinier[en] […]“[7], untersucht werden. In den 1920er Jahren beginnt sich die Doppelseite als gestalterische Einheit zu etablieren und wird als „neuzeitliche Auffassung“[8] in der Fachpresse diskutiert. Das Fotoalbum wird in diesem Kontext – als These formuliert – zum Möglichkeitsraum für die gestalterischen Versuche, für ein Ausprobieren und Experimentieren, das in einem nicht-öffentlichen und nicht primär künstlerischen Rahmen stattfindet. In diesem Zusammenhang gilt es zu klären, wie das Verhältnis von gestalterischem Einsatz der fotografischen Bilder und Nutzung des Albums in diesem Möglichkeitsraum beschaffen ist.

 

Bildmedien im Vergleich – drei gestalterische Strategien

Um die spezifischen Eigenschaften der Seitengestaltung im Fotoalbum präziser herausarbeiten zu können, sollen vergleichend Beispiele von Fotobüchern und Illustrierten herangezogen und untersucht werden, wie sich die gedruckte Seite von der montierten Albumseite bezüglich des Layouts und des Einsatzes der fotografischen Bilder unterscheidet. Für einen direkten Vergleich der gestalterischen Strategien in den jeweiligen Medien wird nach Möglichkeit auf Drucksachen und Arbeiten der Künstler*innen zurückgegriffen. Für die Einschätzung der Strategien ist es ebenso notwendig die gestalterischen Konventionen, denen das Medium Fotoalbum in der Zeit unterliegt, zu untersuchen. Dafür werden Fotozeitschriften, Ratgeber und Anleitungsbücher hinsichtlich der vermittelten Empfehlungen für die Nutzung und Gestaltung von Fotoalben ausgewertet und mit den gestalterischen Strategien der Künstler*innen in Bezug gesetzt.

Für einen ersten Einblick in das bisher erschlossene Material möchte ich drei gestalterische Strategien in Fotoalben kurz skizzieren. Die Fotoalben von Gerda Leo, die zwischen 1928 und 1932 Schülerin und Assistentin in der Fotoklasse von Hans Finsler an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) war, lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Einerseits finden sich tagebuchähnliche Alben, in denen sie ihre Zeit an der Schule verarbeitet und festhält. Die Fotografien, von denen viele nicht von ihr stammen, sind in Bildgefügen zusammengestellt: mal eher assoziativ mit freigestelltem Bildmaterial, mal in Rastern. Allerdings verzichtet sie weitgehend auf textliche Ergänzungen, die den Kompositionen eine Lesart vorgeben würden. Ihr gestalterischer Ausdruck fokussiert sich allein auf die Fotografien, die sie in Beziehung zueinander setzt und miteinander interagieren lässt. Sie setzt in ihren Kompositionen die einzelnen Fotografien auf der Doppelseite zu etwas Neuem zusammen, das es näher zu bestimmen gilt. Andererseits fallen Fotoalben auf, die das Einzelbild in den Fokus rücken. In diesen stellt Gerda Leo eine Auswahl ihrer eigenen Fotografien zusammen, die sie einzeln auf einer Doppelseite präsentiert. Das Fotoalbum zeigt hier seine Qualitäten als portable Ausstellung, bei der die weiße Seite als Rahmung und Passepartout der einzelnen Fotografie Geltung verleiht.

Kurt Schwitters wählt noch einen anderen Weg, um seine Fotografien und fotografischen Versuche zu ordnen und zu präsentieren. In vier umfunktionierten Zeichenheften montiert er zumeist Detailaufnahmen von Gesteinsformationen, Pflanzen, Stadt- und Landschaftsaufnahmen sowie Fotografien von industriellen Anlagen. Das hier vorgestellte Album ist mit „Beste Fotos“, die anderen drei mit „Mittlere Fotos“, „Schlechte Fotos“ und „Fotokompositionen“, überschrieben. Der Betitelung kann man Schwitters` Interesse entnehmen, seine Fotografien nach qualitativem Maßstab zu sortieren. Die weniger gelungenen Fotografien werden jedoch nicht wie bei Leo gar nicht erst ins Album aufgenommen, sondern in einem separaten Album untergebracht. Während bei Leo die Präsentation des Einzelbildes im Vordergrund steht, stellt Schwitters, bis auf wenige Ausnahmen, mindestens zwei und bis zu 14 Fotografien auf einer Doppelseite zusammen. Seine Anordnungen orientieren sich stärker als bei Leo an einer Rasterstruktur, die ebenso von den sehr ähnlichen Formaten der Fotografien herausgebildet wird. Auf der gezeigten Doppelseite sind die Fotografien motivisch gruppiert und thematisch gegenübergestellt – links Bodenstrukturen, Gesteinsformationen und Stadtansichten und rechts Bäume und Landschaftsaufnahmen. Fehlende Bildunterschriften verweisen darauf, dass Schwitters weniger an Botanik und Petrographie interessiert war, sondern vielmehr daran, Strukturen und Beschaffenheit von Objekten fotografisch festzuhalten. Da von Schwitters bis auf wenige Fotogramme keine fotografischen Arbeiten vorliegen, ist die konkrete Verbindung zu seinem Oeuvre bislang unklar und muss noch untersucht werden.

Aufruf: Falls Sie Kenntnis von Fotoalben, Buchentwürfen oder buchähnlichen Objekten haben, die für mein Forschungsprojekt interessant sein können, setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung: judithriemer(at)gmx.de

Arbeitsgruppe: forum foto+album

Die neu gegründete Arbeitsgruppe „forum foto+album“ (Blog: https://fotoalbum.hypotheses.org) versteht sich als interdisziplinäre Plattform für Wissenschaftler*innen zum Medium Fotoalbum und verwandten, albumähnlichen Phänomenen. Eigene Fragestellungen, neue Forschungen, methodische Ansätze und auch Schwierigkeiten im Umgang mit Alben sollen kreativ, offen und konstruktiv miteinander diskutiert werden können. Geplant sind drei Treffen im Jahr, die aktuell online stattfinden. Kontakt: Judith Riemer judithriemer(at)gmx.de oder Sandra Starke starke(at)zzf-potsdam.de

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[1] Johannes Molzahn: Nicht mehr lesen! Sehen! (1928), in: Bernd Stiegler (Hg.): Texte zur Theorie derFotografie, Stuttgart 2010, S.178–180, hier S. 177.

[2] Susanne Wehde: Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung, Tübingen 2000, S. 390.

[3] Moholy-Nagy zit. nach: Perdita Lottner: Neue Typographie. Ausstellung Berlin 1929. Forderungen der elementaren Gestaltung, in: Perdita Lottner/Alexander Cizinsky (Hg.): Ring "Neue Werbegestalter" 19281933: ein Überblick, Hannover 1990, S.11–22, hier S. 17.

[4] Vgl. Wehde, (Anm. 2), S. 388–390.

[5] Die folgende Aufzählung erhebt nicht den Anspruch der Vollständigkeit, sondern soll aufzeigen, unter welchen Fragestellungen Fotoalben untersucht werden. Vgl. Cornelia Brink: Klage und Anklage. Das "Auschwitz-Album" als Beweismittel im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965), in: Fotogeschichte, 25. Jg., Heft 95, 2005, S.15–28; Ellen Maas: Das Photoalbum 1858–1918. Eine Dokumentation zur Kultur- und Sozialgeschichte, München 1975; Nora Mathys: Fotofreundschaften. Visualisierungen von Nähe und Gemeinschaft in privaten Fotoalben aus der Schweiz 1900–1950, Basel 2013.

[6] Torsten Blume: Die eingeklebte Moderne, in: Bauhaus. Die Zeitschrift der Stiftung Bauhaus Dessau, Ausgabe 4, 2012, S.52–62, hier S.61.

[7] Matthias Bickenbach: Das Dispositiv des Photoalbums: Mutation kultureller Erinnerung. Nadar und das Pantheon, in: Jürgen Fohrmann/Andrea Schütte/Wilhelm Voßkamp (Hg.): Medien der Präsenz. Museum, Bildung und Wissenschaft im 19. Jahrhundert, Köln 2001, S. 87–128, hier S. 100.

[8] o.V.: Die Architektur der Doppelseite, in: Buch- und Werbekunst, Jg. 9, Heft 4, 1932, S.103–111, hier S. 104.