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Aktuelle Seite: Simon Baptist, Margit Neuhold: Archiv einer Gemeinschaft. Die Fotografien Franz Göttfrieds

Simon Baptist, Margit Neuhold

 

Archiv einer Gemeinschaft

Die Fotografien Franz Göttfrieds und ihre künstlerische Aktualisierung – ein Gespräch

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 178, 2025

 

Franz Göttfried (1903–1980) war Bauer und – das ist ungewöhnlich für seinen Berufsstand und seine Zeit – auch Fotograf. Zwischen den 1920er und den frühen 1940er Jahren dokumentierte der „Vollantbauer“, wie Göttfried nach dem Hofnamen auch genannt wurde, mit seiner Kamera die Menschen von St. Lambrecht in der Obersteiermark. Fast alle Porträtaufnahmen sind im Freien entstanden. Die Umgebung wird oft ganz bewusst in das Porträt integriert. Die Personen stehen inmitten in ihrer Lebenswelt. Wir sehen ein Haus, ein Stück Weg, den Wald, die Wiese. Hin und wieder taucht als „Requisit“ ein Holzstuhl auf, auf den sich die Dargestellten stützen, gelegentlich ist ein Tier mit im Bild, eine Kuh, ein Pferd, ein Hund. Ernst, gefasst, hie und da stolz, oft konzentriert, nie beiläufig, selten lächelnd treten die Menschen vor die Kamera. Göttfried war Amateur und Autodidakt, kein ausgebildeter Fotograf. Aber wenn wir seine Bilder betrachten, wird rasch klar: Anfänger war er ganz und gar keiner. Er war im Umgang mit der Technik sehr versiert. Und nicht nur das: Er verfügte auch über eine ausgeprägte ästhetische Intuition. Seine Aufnahmen sind sorgfältig komponiert, keine beiläufigen Schnappschüsse. Viele der Porträts sind, vielleicht eben deswegen, weil sie so statisch angelegt sind, sehr intime Bilder, die viel von der Persönlichkeit der Dargestellten preisgeben. 

 

Das fotografische Erbe Franz Göttfrieds ist nach seinem Tode jahrelang in Vergessenheit geraten. Als die Großeltern des Künstlers und Fotografen Simon Baptist Ende der 1990er Jahren den Vollanthof kauften, entdeckten sie in einer Ecke am Dachboden einen Haufen Schachteln mit Glasplattennegativen, die sie aufbewahrten. Knapp 30 Jahre später begann Simon Baptist sich intensiver mit diesen Bildern zu beschäftigen. Er begann zu recherchieren, Menschen im Ort zu befragen und den Nachlass im Salzburger FOTOHOF ARCHIV zu sichern. Nach und nach verknüpfte er diese Informationen und Dialoge mit seiner künstlerischen Annäherung an die wiederentdeckten Fotografien. Aus dieser langjährigen Arbeit sind drei Videoinstallationen, eine von Margit Neuhold kuratierte Ausstellung (Museum für Geschichte, Universalmuseum Joanneum, Graz, 13. Juni 2025 bis 6. Januar 2026) und ein begleitender Katalog mit dem Titel „Von oben im Tal. Simon Baptist – Archiv Franz Göttfried“ (Fotohof Edition, Salzburg) hervorgegangen. Im folgenden Gespräch berichten Margit Neuhold und Simon Baptist von ihrem Blick auf den historischen Nachlass, der durch die künstlerische und kuratorische Aktualisierung in die Gegenwart geholt wurde.

 

Anton Holzer: Frau Neuhold, Herr Baptist, in ihrem Ausstellungsprojekt stellen Sie Franz Göttfried, einen ungewöhnlichen, bisher in der Fotoszene unbekannten Fotografen vor. Er wurde kurz nach 1900 geboren und war Bauer in einer kleinen Marktgemeinde in der Steiermark. Mit seiner Kamera hat er ab den 1920er Jahren über einen längeren Zeitraum hinweg die Menschen und den Alltag seiner Umgebung festgehalten. Was hat Sie an diesem Werk interessiert und fasziniert? Und wie ist denn die Idee zu dieser musealen Präsentation entstanden? 

 

Margit Neuhold: Wir meinen, dass wir das Projekt zwar in musealen Räumen zeigen, aber durchaus mit Elementen eines zeitgenössischen Kunstraums wie beispielsweise weiße Wandfarbe oder Verzicht auf Wandtäfelchen, Klebeschrift etc. Dass man dieses Projekt von unterschiedlichen Seiten anfassen kann, macht es besonders reizvoll: Einerseits ist es ein historisches Projekt, ausgehend vom fotografischen Nachlass der 522 Glasplattennegativen Franz Göttfrieds. Andererseits ist es ein sehr zeitgenössisches Projekt, das die künstlerische Arbeitsweise Simon Baptists, der sein Fotografiestudium 2023 an der Folkwang-Universität in Essen abgeschlossen hat, an diesem Bestand zeigt. Er baut den fotografischen Fund zu einem Archiv aus, ist also Künstler, Sammler und Archivar und zugleich spürt er den Arbeitsweisen Franz Göttfrieds nach. Davon ausgehend inventarisiert, bearbeitet und printet er Göttfrieds Negative und stellt den ursprünglichen Aufnahmen sein eigenes Werk zur Seite. Im Gespräch mit der Dorfgemeinschaft und in detailreicher Kleinarbeit lotet er das Potenzial der historischen Fotografien aus.

 

Diese Arbeit an und hinter den Bildern wird in der Ausstellung auch gezeigt?

 

Ja, dieses Nachspüren der Arbeitsweise Göttfrieds war auch ein zentrales kuratorisches Moment, entlang dem wir uns entschieden haben, seine unterschiedlich zurückgelegten Wege nach St. Lambrecht oder in die einzelnen Gemeinden in den Raum zu übersetzen. So bringen wir lose gruppiert Aufnahmen der entlegen wohnenden Bauernschaft, der Holzarbeiter, aber auch die Menschen assoziiert mit dem Stift oder mit dem Markt zusammen.

 

Sie zeigen historische Fotografien, aber nicht nur. Sie nähern sich auch der Figur des Fotografen und den biografischen Geschichten hinter den Bildern mit künstlerischen filmischen Interventionen an. Weshalb diese Erweiterung der klassischen Fotoausstellung?

 

Simon Baptist: Die Videoinstallationen, die aus der Arbeit am Archiv entstanden sind, haben ihren Ursprung in einer Arbeitsweise, die von Anfang an das Projekt bestimmt hat. Der Ausgangsgedanke war, das Archiv in den Ort zu tragen, zu den Menschen hin. In der kollektiven Recherche und im Sammeln von Informationen entstand der Inhalt des ersten Films, Ein Kammerspiel 2021 (2021), der über eine „fiktive Versammlung” versucht, einerseits ein Porträt Göttfrieds zu zeichnen, andererseits den Zeitgeist der 1920er bis 40er Jahre einzufangen.

 

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

 

Die Arbeit am Film hat die Anteilnahme der Menschen vor Ort bestärkt und gezeigt, dass genau das kollektive Arbeiten das eigentlich Wertvolle war, dass das Projekt hervorrief. Das Archiv war fähig, die Gesellschaft zu Versammeln und zur Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit zu aktivieren. In diesem Zusammenhang war der Film mit seinem fünfteiligen Panorama zuerst mehr ein Werkzeug, mit dem das Konzept des Projekts auch während der Pandemie 2021 realisiert werden konnte. Das Arbeiten mit den Menschen vor Ort und die Form des Panoramas waren es dann auch, die die zwei späteren Videoarbeiten, Ein Kammerspiel 2023 (2023) und Gebiet (2025) bestimmt haben. 

 

Frau Neuhold, Sie haben, in Abstimmung mit Simon Baptist, in der kuratorischen Konzeption der Ausstellung den Filmen und den Fotografien in etwa dieselbe Präsenz gegeben. Die Filme sind hier nicht nur vertiefende Illustrationen bzw. Erklärungen, wie das oft in Fotoausstellungen der Fall ist.

 

Margit Neuhold: Ja, richtig, das rührt daher, dass es sich bei den Filmen um eigenständige künstlerische Werke Simon Baptists handelt. Wir fanden es reizvoll, die Filme Göttfrieds Aufnahmen buchstäblich zur Seite zu stellen: Die jüngste Arbeit Gebiet – in der Menschen aus dem Dorf die Wege nach St. Lambrecht nachzeichnen und die Orte benennen – ist als Projektion in der ersten Vitrine zu sehen. Ein Kammerspiel 2021 und Ein Kammerspiel 2023 sind jeweils raumgreifende fünfteilige Videoinstallationen, die wir auf derselben Mittelachse wie die Fotografien zeigen. Eindringlich wird auch die von den Filmen ausgehende Soundscape – es überlagern sich die Benennungen der Orte (Gebiet) mit dem Blöken der Schafe oder dem Hufgeklapper (EinKammerspiel 2023) –, die die Fotografien dann auch begleitet.

 

Herr Baptist, wie sind ihre Filme angelegt? Sehen sie die filmischen Installationen als Annäherung an die historische Vergangenheit oder führen diese eher von den Fotografien in die Gegenwart? Auffallend ist ihre offene, dialogische aber auch inszenierende, performative Herangehensweise. Wie kam es zu dieser?

 

Simon Baptist: Ich denke, es ist gerade das Wechselspiel aus Annäherung an Vergangenheit und Aktualisierung von Geschichte, in dem sich die Filme inhaltlich und auf konzeptueller Ebene bewegen. Es hat mich beispielsweise interessiert, wie zu der Zeit Göttfrieds Wissen ausgetauscht wurde. Da war natürlich ein essenzieller Ort das Gasthaus mit seinen Tischen und Stühlen, das die Leute meist sonntags nach der Kirche besucht haben. Als ich dann schon an dem Drehbuch gearbeitet habe, ist die Pandemie gekommen, die so eine physische Versammlung dann im Grunde unmöglich machte. Zur gleichen Zeit habe ich in einer anderen Arbeit mit Formen des Panoramas experimentiert – Räume also über mehrere Aufnahmen so abzubilden, dass die Zeit, die sich darin abspielt, modellierbar wird und auf der Bildfläche jegliches mit jeglichem in Verbindung treten kann, ohne eine physische Präsenz zu teilen.

In den zwei Jahren der Recherche und durch die Arbeit mit den Menschen hatte ich jede Menge Gesprächsnotizen und Tonaufnahmen gesammelt. Bei den Anekdoten, die ich für den Film in Erwägung gezogen habe, handelt es sich meist um Ereignisse, die sich schon fest in die Gedächtnisse der Menschen eingeschrieben hatten. Und dadurch, dass sie diese schon so oft erzählt hatten, wurden diese Geschichten ja auch immer wieder ähnlich wiedergegeben – und deshalb waren sie für mich von ihrer Länge her kalkulierbar.

 

Diese Gespräche haben also den Filmen ein Stückweit ihre Struktur verliehen …

 

Simon Baptist: Ja, so ließ sich im Drehbuch eine Handlung entwickeln, in der die Anekdoten aufeinander aufbauten und sich ergänzten, und in der die Protagonist:innen über die fünf Bilder des Panoramas hinweg – wenn auch nur scheinbar – dennoch eine kollektive Präsenz erhielten. Die Menschen sind in die Bildfläche eingetreten, nahmen einen Stuhl und setzten sich an die Tische, drehten die Köpfe nach links, nach rechts – je nachdem, was sich im Drehbuch nebenan abspielen sollte. Dann nahmen sie erneut den Stuhl und haben ihn, bevor sie hinausgingen, wieder sorgfältig an seinen Platz zurückgestellt. Diese banal wirkenden Gesten mit den Tischen und Stühlen waren hier das formgebende, sich immer wiederholende Element der Arbeit.

Diese Form mit mehrteiligen Panoramen zu arbeiten, die sich, wie gesagt, ja erst aus einer Not heraus ergeben hat, wollte ich dann zwei Jahre später in Ein Kammerspiel weiter ausbauen. Hierfür habe ich mich an den Versammlungsplätzen des Ortes aufgehalten und das Geschehen beobachtet und in den Film überführt: Tiere, Autos, kleinere, größere Gruppen von Menschen – eine Blaskapelle, eine Schulklasse, eine Traube von Tourist:innen etc. Die Geschehnisse sollten sich vermischen, aneinanderreihen und simultan abspielen. Wie in einem Labor, in dem Dinge unter den gleichen Bedingungen betrachtet werden können. Die performativen und inszenierten Elemente kamen in diesem Film noch weitaus stärker zum Vorschein.

 

Sie haben die historischen Fotografien den Menschen im Ort vorgeführt. Sie haben Dialoge und den Prozess der Erinnerung angestoßen. Wie waren die Reaktionen? Hat das Rückführen der Bilder in die Dorfgemeinschaft, ihr neuerliches Besprechen und Verhandeln etwas in Bewegung gesetzt?

 

Simon Baptist: Ja, sehr! Die Reaktionen waren durchgehend positiv. Immerhin handelt es sich in den Aufnahmen Gottfrieds um Großeltern oder Urgroßeltern der Menschen, die ich besucht habe. Und dann taucht da auf einmal jemand an der Haustüre auf und beschäftigt sich genau mit dieser, ihrer Geschichte. Also klar, die Reaktionen waren herzerwärmend, und sie haben bei einigen Leuten im Ort gar Kettenreaktionen von Aktivitäten hervorgerufen. Sie haben dann ihre Freund:innen durchtelefoniert oder sind stellenweise selbst um die Häuser gezogen, um Informationen einzuholen. Das war schon sehr schön zu sehen, wie sich die Arbeit dann verselbstständigt hat. 

 

Lange Jahre überdauerten die Bilder von Franz Göttfried im Halbverborgenen, Halbvergessenen. Wie sind denn diese Bilder, die vor Jahrzehnten entstanden sind, wieder aufgetaucht? Wann war klar, dass diese wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren sollen? 

 

Simon Baptist: Es ist ja gar nicht klar bzw. sehr unwahrscheinlich, dass seine Bilder jemals zuvor eine Öffentlichkeit gehabt haben. Sie waren doch mehr ein Gegenstand, der im Privaten, in den Familienalben verhandelt worden ist. Göttfried hat an seine Modelle ja oft Abzüge im Postkartenformat weitergegeben, welche sich teilweise immer noch in den Fotoalben der Familien befinden. Dass Göttfrieds Nachlass heute eine Öffentlichkeit haben sollte, das war mir schon beim Anfertigen der ersten Scans klar. Es war mir immer ein Anliegen, den Göttfried in ein Umfeld zu bringen, wo man von einem künstlerischen Standpunkt heraus an die Bilder herantritt. So hat sich das FOTOHOF ARCHIV als großartige Umgebung dafür herausgestellt. Vor allem durch die Hilfe, die der FOTOHOF sowohl auf infrastruktureller wie auf personeller Ebene zur Verfügung stellte, um die Arbeit zu unterstützen.

 

Familiär überlieferte Fotonachlässe gibt es zuhauf. Was unterscheidet diese Sammlung von anderen privaten Fotosammlungen? Weshalb wird dieses Archiv einem großen Publikum zugänglich gemacht?

 

Margit Neuhold: Ich denke, auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten: Einerseits sind die Aufnahmen von bemerkenswerter „ästhetisch-künstlerischer“ Qualität, wie Kurt Kaindl im Vorwort der das Projekt begleitenden Publikation erwähnt und andererseits, war es zu jener Zeit auch eher ungewöhnlich, dass ein Bauer in die Rolle des Fotografen schlüpfte. Christina Natlacen schreibt in ihrem Beitrag von den Wanderfotograf:innen, die in den ländlichen Gebieten unterwegs waren. Auch dass Göttfried Menschen jenseits seines Familienverbands fotografierte, zeichnet dieses Werk aus.

 

Herr Baptist, können Sie den Ort des Geschehens kurz beschreiben: das Dorf, aus dem Franz Göttfried stammt, die Landschaft, in der die Bilder situiert sind, das Kloster, in dem ihre Filme entstanden sind.

 

Simon Baptist: St. Lambrecht ist in mehrerlei Hinsicht ein vielschichtiger Ort. Auf etwas über 1.000 Metern gelegen, treffen alte Strukturen der Bauernschaft auf die im Verhältnis erst jung etablierte Arbeitergesellschaft rund um die Dynamitfabrik. Zudem befindet sich inmitten des Ortes mit dem Benediktinerstift St. Lambrecht eines der bedeutendsten Klöster seiner Art in Österreich, welches durch seine über 900 Jahre alte Geschichte natürlich auch die Strukturen im Ort bis heute maßgeblich beeinflusst.

 

Die historischen Bilder von Franz Göttfried sind 80, 90 Jahre alt. Und dennoch sprechen uns diese Aufnahme noch heute sehr direkt an. Die Zeit scheint in vielen seiner Bilder stillzustehen. Genau das aber verleiht den Szenen eine große Präsenz. Manche Aufnahmen entwickeln geradezu einen visuellen Sog. Hat das auch damit zu tun, dass fast alle Porträtierten im intensiven Blickdialog mit dem Fotografen – und letztlich auch mit uns – stehen?

 

Simon Baptist: Dass die Porträts einen starken visuellen Sog entwickeln, sehe ich genauso. Ich denke dieser Sog hat viel mit Vertrauen und der Nähe zu tun, die Göttfried zu seinen Modellen gehabt hat. Als Kapellmeister war er eine verankerte Person im Ort. Die Menschen, die er fotografiert hat, waren durch ihn mit jemandem konfrontiert, den sie ja schon seit jeher gekannt haben.

Aus technischer Sicht liegt eine Art von Sog in Göttfrieds Aufnahmen bestimmt auch an der Wahl des Objektivs. Göttfried hat statt mit einem Teleobjektiv mit einer Normalbrennweite fotografiert. Das führt natürlich dazu, dass er die Distanz zu den Personen verringern musste, und dadurch die Krümmung des Objektivs noch stärker ins Gewicht fällt.

 

Mit welcher Kamera und welchem Glasplattenformat hat Göttfried eigentlich gearbeitet? Hat er sich mit fotografischen Tendenzen seiner Zeit beschäftigt? Hat er etwa Fotozeitschriften gelesen? Ich nehme an, er hat mit einem Stativ gearbeitet.

 

Margit Neuhold: Ja. Christina Natlacen schreibt von einer Laufbodenkamera des Herstellers M. Grabner aus Graz, die mit einem Extra-Rapid-Aplanat F8-Objektiv ausgestattet war und die für Glasnegative im Format 9 x 12 cm konzipiert war. Franz Göttfried hat seine Aufnahmen selbst entwickelt und er hat auch die Abzüge, die ebenfalls dieses Format haben, selbst hergestellt. In den Aufzeichnungen wird er als eine sehr technikfreudige Person beschrieben, er fuhr Motorrad, möglicherweise hat er auch den ersten Traktor im Ort gekauft. Über einen fotografischen Austausch finden sich keine Aufzeichnungen, jedoch muss es diese gegeben haben. In Walter Brunners Chronik St. Lambrecht: Geschichte einer Marktgemeinde (2011) sind auch ältere Fotografien der Region abgedruckt und es ist auch den Porträtkompositionen inhärent, dass Franz Göttfried sehr wohl mit den fotografischen Porträttraditionen vertraut war.

 

Gibt es schriftliche Aufzeichnungen des Fotografen, die bei der biografischen Verankerung und Deutung der Bilder helfen können?

 

Margit Neuhold: Ja, wenige. In einigen der Glasplattennegativ-Schachteln finden sich Franz Göttfrieds handschriftliche Verweise zu den Fotografien: Name, Ort oder auch der Anlass der Aufnahme. In Verbindung mit der Fotografie jener Tage ist Handschrift auch ein Marker eines privaten Familienalbums und wir haben dieses Album-Moment als kuratorische Setzung auch in die Ausstellung durch händisch und mit Bleistift angebrachte Bildunterschriften in den Raum gebracht. Simon hat seine Großmutter, die nun den Vollanthof bewohnt und die über viele Jahre den Nachlass verwahrt hat und die Arbeit engagiert unterstützt, eingeladen, die Beschriftungen an der Wand und in den Vitrinen zu übernehmen. Durch die Ausrichtung des Schriftbilds an der Bildmitte changiert auch die Text-Bild Ebene. Während der Vorbereitungen haben wir auch viel über Schrift und Sprache gesprochen, so beispielsweise geänderte Schreibweisen, Sprachwandel und auch die vielen Schattierungen zwischen dem sogenannten Richtig und Falsch: Diese Nuancen beginnen bereits im Titel, dessen Schreibweise aufgrund des Straßennamens Im Tal auch Von oben Im Tal sein könnte.

 

Franz Göttfried war Bauer und auch viele seiner Porträtierten, die er allesamt gekannt hat, kommen aus bäuerlichen Verhältnissen. Der ländliche Kosmos scheint in vielen Details durch, in Körper- und Handhaltungen, im Schuhwerk, aber auch in der oft sonntäglichen Tracht. Ich nehme an, viele der Bilder entstanden an Sonn- und Feiertagen. Werktagsbilder gibt es wenige …

 

Margit Neuhold: Da würde ich Ihnen zustimmen, ja!

 

Erstaunlich oft hat Göttfried im Winter fotografiert. Immer wieder liegt Schnee am Boden. Hatten er und seine „Modelle“ in dieser Jahreszeit mehr Zeit?

 

Simon Baptist: Die Winter, so kann man sagen, haben in jener Zeit noch um einiges länger angedauert. Und ja, auf den Höfen hat es in dieser Jahreszeit auch weit weniger zu tun gegeben als in den Sommermonaten. Neben Sonn- und Feiertagen waren auch Hochzeiten und Feste Momente, an denen er viele seiner Bilder aufnahm. Als Kapellmeister spielte er dann auf, und im Anschluss fotografierte er.

 

Was passierte seinerzeit mit den Fotos? Bekamen die Porträtierten Abzüge? Hat der Fotograf die Bilder ausgearbeitet und vergrößert? Für wen waren die Bilder gedacht?

 

Simon Baptist: Ich gehe davon aus, dass Göttfried die meisten seiner Porträts auch an seine Modelle weitergegeben hat, ja. Von den Glasplattennegativen, hat er Kontaktabzüge im Postkartenformat angefertigt, vergrößert hat er nicht. Diese Postkarten befinden sich bis heute noch teilweise in den Familienalben in der Region.

Der Tod seiner Frau, den er nicht verkraftete, führte dann in den 1970er Jahren dazu, dass er all seine Abzüge verbrannt hat. Die Leute erzählten, dass er sich vier Tage lang zu Hause eingesperrt und alles verheizt hat, was ihm untergekommen ist.

 

Es sind also nur wenige originale Abzüge erhalten?

 

Ja, richtig. Und diese wenigen verbliebenen Originale in den Familienalben bekommen dadurch eine besondere Wertigkeit im Archiv. 2021 habe ich im Zuge der Dreharbeiten von Ein Kammerspiel 2021 eine Ausstellung im Stiftsgarten in St. Lambrecht organisiert, in der der gesamte Nachlass dem Ort präsentiert wurde. Die Bilder waren auf runden Tischen ausgelegt und durch Nummern mit einer Tabelle verknüpft, die die Besucher:innen mit Informationen füllen konnten. Zu dieser Ausstellung wurde gleichzeitig ein Aufruf gestartet, Familienalben nach Aufnahmen Göttfrieds zu durchforsten und das Material zur Betrachtung mitzunehmen. Im Zuge dessen konnten über 50 Originale Göttfrieds in das Archiv eingegliedert werden.

 

Margit Neuhold: In den Aufzeichnungen ist überliefert, dass Franz Göttfried die Porträtfotografien auch verschenkt hat, und im Katalog schreiben sowohl Christina Natlacen als auch Steffen Siegel aus unterschiedlichen Perspektiven über das Konzept der Gabe und verknüpfen es mit dem Prestige des Schenkenden und dem Wunsch etwas zurückzugeben oder auch mit einer sozialen Handlung, die die Gemeinschaft stärkt.  

 

Das Ausstellungsprojekt zeigt bewusst nicht nur Einzelbilder eines Fotografen, sondern macht sein Archiv sichtbar, es legt Zusammenhänge offen, es zieht biografische und soziale Verbindungslinien. Aber es lässt auch Lücken und Leerstellen offen. 

 

Margit Neuhold: Es ist Teil von Simons künstlerischer Praxis, das Archiv mit den Menschen vor Ort aufzubauen und gemeinsam Lücken und Leerstellen zu füllen. Da würde ich auch die angesprochenen Verbindungslinien sehen, die oftmals in den Oral Histories zutage treten, so beispielsweise in Ein Kammerspiel 2021. Visuell machen es die unterschiedlichen Provenienzen des Materials auch reizvoll, mit der Ausstellung über medienarchäologische Aspekte und unterschiedliche Kontexte nachzudenken: Das Familienalbum, der Ausstellungsprint an der Wand oder das Zeigen des gebrochen Glasnegativs in Form eines Plakats, das im Film ausgerollt wird und das nun auch in der Ausstellung zu sehen ist und damit verbunden natürlich die Frage an Simon: Was passiert mit diesem Material? Findet es Eingang ins Archiv? 

 

Herr Baptist, Frau Neuhold, der erste Schritt der Wiederentdeckung ist getan. Was passiert nun weiter mit dem Archiv Franz Göttfried? Ist das Ausstellungsprojekt nun abgeschlossen oder ist es ein Work in Progress, mit neuen filmischen Kommentaren, mit neuen Fragestellungen? Oder neuen Präsentationen?

 

Simon Baptist: Die Arbeit am Archiv ist eine nie enden wollende, und der Ansatz, mit dem ich mich mit meiner Arbeit damit auseinandersetze, hat den Anspruch, auch mit jedem neuen Projekt, das auf das Archiv zukommt, eine neue Form der Auseinandersetzung zu finden. Ich denke, da gibt es zukünftig noch viel Spannendes zu beleuchten.

 

Margit Neuhold: Absolut, so haben wir in der Entwicklung der Ausstellung über unterschiedliche Präsentationsformen gesprochen: so könnte es reizvoll sein, den gesamten Nachlass in seiner (soweit nachvollziehbaren) ursprünglichen Ordnung gemeinsam mit den kleinen beschrifteten Glasplattennegativ-Kartons zeigen oder auch Steffen Siegels Untersuchung der fotografischen Versammlung, die er begleitenden Publikation vornimmt, in den Aufnahmen nachzuspüren. Auch Simons Arbeitsweise, das Archiv nicht nur aus dem Dorf zu entnehmen, sondern auch in das Dorf zu tragen, birgt noch viel Potenzial und natürlich gibt es auch noch weiteres Bildmaterial sowie von Hand verfasste Liederbücher oder unzählige Stunden Tonaufnahmen …

 

Und zum Schluss noch eine Frage. Wie sind Sie denn auf den schönen, poetischen Titel „Von oben im Tal“ gekommen?

 

Simon Baptist: Der Titel „Von oben im Tal“ stammt aus einem Gespräch, das ich im Wirtshaus während der Dreharbeiten zu Ein Kammerspiel 2023 geführt habe. Da hat sich jemand aus dem Ort zu uns an den Tisch gesetzt und gefragt, ob wir denn die „von oben im Tal“ sind … die mit den Bildern, weil er schon davon gehört habe. Und aus geografischer Sicht hat er auch recht. So befindet sich der Vollanthof, das Geburtshaus Göttfrieds, tatsächlich auf einer Anhöhe oberhalb des Tals. Man hört sonst auch die Leute sagen „draußen oder drüben im Tal“. Doch war diese Situation im Wirtshaus schon sehr einprägsam.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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