
Abraham Pisarek: Zwei Kinder (Ruth und Georg Pisarek) freuen sich über eine Zuckertüte der „Jüdischen Winterhilfe“, 1936
Hildegard Frübis
Fotografie als Dokument und Selbstbehauptung
Jüdisches Leben zwischen 1933 und 1941 im Spiegel der Fotografien von Abraham Pisarek
Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 180, 2026
Die Fotografien von Abraham Pisarek stellen einen bedeutenden visuellen Fundus zur nationalsozialistischen Ausgrenzungs-, Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte der deutschen Jüd:innen dar, welcher wissenschaftlich so gut wie unbearbeitet geblieben ist. Wie der Historiker Michael Wildt bereits 2013 feststellte, sind Pisareks Fotografien „bekannter als er selbst. Denn kaum eine Veröffentlichung zum jüdischen Leben in Deutschland nach 1933 oder zur Verfolgung der deutschen Juden kommt ohne ein Foto von Abraham Pisarek aus. Er selbst blieb hingegen zumeist im Hintergrund.“[1] Von seinen Fotografien wurde zwar reichlich Gebrauch gemacht, allerdings verblieben die Fotografien meist im Status der Illustration von Texten und vor allem ohne genaue Angaben zu ihrem Entstehungskontext und zur Person des Fotografen.[2] Abraham Pisarek wurde 1901 in Russisch-Polen geboren und kam 1919 mit seinen Eltern nach Berlin.[3] Nach einem Aufenthalt als Chaluz (Pionier) in Palästina Anfang der 1920er Jahre kehrte er nach Berlin zurück und besuchte an der Kunst- und Gewerbeschule Abendkurse für Fotografie. Er arbeitete für Presseagenturen wie „Mauritius“, für die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) und als Bühnenfotograf.[4] Mit dem Jahr 1933 wurden seine fotografischen Betätigungsfelder jedoch erheblich eingeschränkt: Pisarek erhielt Berufsverbot und durfte nur noch für die jüdische Presse und jüdische Institutionen arbeiten. 1941 wurde ihm das Fotografieren ganz verboten, er musste seine Kamera abgeben und wurde zur Zwangsarbeit bei Zeiss-Ikon verpflichtet. Dass er überhaupt weiter in Berlin leben und arbeiten konnte, war seinem Status einer „privilegierten Mischehe“ geschuldet. Seit 1928 war er mit der nichtjüdischen, aus Leningrad stammenden Stenotypistin Berta Isigkeit verheiratet. Die NS-Herrschaft überlebte er Dank der Berliner Rosenstraßenproteste – eine der wenigen Widerstandsaktionen im Dritten. Reich. Zusammen mit tausenden anderen jüdischen Zwangsarbeitern wurde er im Februar 1943 in der sogenannten „Fabrik-Aktion“ durch die Gestapo verhaftet und in der Rosenstraße festgehalten.[5] Durch die Proteste der Ehefrauen kam es zur Freilassung der meisten Verhafteten mehrere Tage später, darunter auch Pisarek.
Pisareks Fotografien und die „Jüdische Selbsthilfe“
Im Folgenden möchte ich mich etwas genauer mit einer Auswahl von Pisareks fotografischen Arbeiten beschäftigen, die in den Jahren seines Berufsverbotes zwischen 1933 und 1941 entstanden sind. Wie bereits erwähnt, bedeutete das Berufsverbot für Pisarek, die Beschränkung seines Tätigkeitsfeldes auf die jüdischen Institutionen. Damit einher ging eine tiefgehende Zäsur für sein berufliches wie persönliches Selbstverständnis. Hatte er sich in den 1920er Jahren immer mehr einen Namen mit seinen Portraits von Schauspielern wie überhaupt der Bühnen- und Theaterfotografie gemacht, musste er seine Arbeit nun vollkommen neu ausrichten. Dies tat er, indem er das sich unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur neu strukturierende jüdische Leben in den Fokus rückte. In über 5.000 Fotografien dokumentierte und interpretierte Pisarek in den folgenden Jahren die Arbeit der „Jüdischen Selbsthilfe“.[6] Die „Jüdische Selbsthilfe“ war in mehrere Sparten untergliedert: Dazu zählten „Berufsumschichtung und Ausbildung“, „Wirtschaftshilfe“ sowie „(Aus)Wanderung, Erziehung und Bildung“. Unter diesen Bezeichnungen wurde ein breites Feld von Hilfsangeboten für die noch in Berlin verbliebenen Jüd:innen organisiert. Die fotografischen Motive Pisareks umrahmen die Arbeit dieser Einrichtungen mit Aufnahmen zu Ausbildung und Erziehung über Sportereignisse bis hin zu ganz praktischen Hilfen wie sie v. a. durch die Winterhilfe organisiert und bereitgestellt wurde (Bereitstellung von Brennmaterial, Unterhalt von Suppenküchen und Kleiderkammern).[7] Die verschiedenen Hilfsdienste der Winterhilfe dokumentierte Pisarek in seinen Fotografien nicht nur, sondern gestaltete für ihre Aufrufe und Hilfsaktionen auch Plakate und Flugzettel. Als Statisten dienten ihm hierbei häufig seine Kinder Ruth und Georg. Die Fotos dienten neben der allgemeinen Dokumentation der Informationsverbreitung über die Arbeit der „Jüdischen Selbsthilfe“. In der Kombination von Bild und Text wurden die Fotografien auf Plakaten (vgl. Abb.1) und in Zeitungsberichten zu visuellen Informationsträgern und Multiplikatoren[8] in einer Zeit, in der die jüdische Gesellschaft auf sich selbst zurückverwiesen und von den gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen des NS-Staates ausgeschlossen wurde.
Die Ausgrenzung der jüdischen Schüler:innen hatte bereits mit dem Jahr 1933 begonnen, aber mit den Novemberpogromen 1938 wurde ihnen verboten öffentliche Schulen zu besuchen. Für die „Jüdische Selbsthilfe“ bedeutete dies, ihre Anstrengungen hinsichtlich Erziehung und Bildung des jüdischen Nachwuchses zu verstärken. „Alles Erziehen ist vor allem ein Behüten“ – dieses Zitat des Rabbiners und Vorsitzenden der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ Leo Baeck wurde von 1933 bis zum Ende des jüdischen Schulwesens im Juni 1942 zur Richtschnur für alle Bemühungen der Schulverwaltung, den jüdischen Kindern in dieser Notzeit wenigstens in den Schulen eine Zuflucht zu bieten und sie vor der immer feindlicher werdenden Umwelt zu behüten. Die Aufnahmen Pisareks aus der Jüdischen Volksschule in der Auguststraße in Berlin spiegeln dieses Bemühen, den jüdischen Kindern sowohl Bildung als auch einen sicheren Ort des Lernens zu bieten.
Obwohl es bis 1938 keine staatliche Verordnung gab, die den jüdischen Kindern den Besuch öffentlicher Schulen verbot, verließen viele wegen der immer unerträglicher werdenden Atmosphäre ihre Schulen und wechselten auf die wenigen jüdischen. Die über das Schulwesen hinaus gehenden jüdischen Erziehungs- und Bildungsinitiativen zeigen sich geradezu ikonisch in einem Foto Pisareks, das eine Führung im „Jüdischen Museum“ in der Oranienburger Straße zeigt. Eine Gruppe von Jugendlichen steht geschlossen vor dem Gemälde Samuel Hirszenbergs „Sie wandern“ von 1904 und folgt dabei den Ausführungen eines älteren Herren, der mit seinem Stock auf das Bild zeigt.[9] Das Gemälde, dass sich auf die Auswanderung der osteuropäischen Jüd:innen Ende des 19. Jahrhunderts bezieht,[10]gewinnt in Pisareks Aufnahme und vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Politik an Aktualität bzw. wird in der Kombination mit der Gruppe von Jugendlichen in der Situation von 1936 zu einer überzeitlichen Interpretation des jüdischen Schicksals als dem von Verfolgung und erzwungener Auswanderung.
Entrechtung, Verbot und Terror. Eine jüdische Parallelwelt entsteht
Die Bedeutung und Funktion von Pisareks Fotografien aus dieser Zeit liegen in der engen Verschränkung mit dem Vorgehen der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ bzw. sie müssen im Kontext von deren Zielen und Intentionen betrachtet werden. „Die Aufgaben der Reichsvertretung bestanden hauptsächlich in der Koordination und Unterstützung der jüdischen Selbsthilfe, die in Reaktion auf die antisemitische Politik des NS-Regimes entstand.“[11] Zugleich vermittelte die Reichsvertretung die Kontakte mit jüdischen Organisationen im Ausland und versuchte dort Unterstützung und Hilfe, vor allem durch die Aufnahme von jüdischen Emigranten, zu gewinnen. Die Tätigkeiten der im September 1933 gegründeten „Reichsvertretung“ bedeuteten ein Balanceakt nach innen wie nach außen und standen unter der rigiden Kontrolle und Zensur der NS-Behörden.[12] Mit den Einrichtungen der „Jüdischen Selbsthilfe“ entstand eine Parallelwelt zur deutschen Gesellschaft: Die Fotografien Pisareks umspannen somit eine jüdische Lebenswelt wie sie ab 1933 – in der sukzessiven Abfolge von Entrechtung, Verbot und Terror – durch den Nationalsozialismus sanktioniert worden war und welche die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu – wie es Hannah Arendt ausdrückte – „Bürgern zweiter Klasse“[13] machte.
Auswanderung und Flucht im Fokus der Fotografie
Eine eigenes und vielfältiges Repertoire an Bildmotiven findet sich unter Pisareks Fotografien zum Thema der Auswanderung. Der NS-Staat setzte anfangs noch darauf die „Judenfrage“ durch die ‚freiwillige‘ jüdische Auswanderung und Vertreibung zu lösen. Etwa 2.000 antijüdische Gesetze oder Ergänzungsverordnungen wurden dazu im „Dritten Reich“ erlassen. Einen radikalen Einschnitt in das jüdische Leben brachten die „Nürnberger Gesetze“ von 1935, die Jüd:innen zu Menschen minderen Rechts erklärten. Mit der Pogromnacht im November 1938 und der Fülle von antijüdischen Maßnahmen in den nächsten Tagen, die den Jüd:innen endgültig jegliche Existenzgrundlage raubten, verschärfte sich die Situation nochmals. Ab Oktober 1941 wurde dann die Auswanderung verboten. Damit hatte die NS-Führung die strikte Kehrtwende ihrer „Judenpolitik“ besiegelt.
Das sich sukzessive verschärfende Vorgehen der NS-Führung hinsichtlich der „Judenfrage“ erklärt das reiche fotografische Repertoire von Bildmotiven zum Thema der Auswanderung in Pisareks Fotografien. Bis circa 1938 konnte die „Jüdische Selbsthilfe“ ihre Angebote und Hilfen hinsichtlich der Auswanderung in vielfältiger Weise entwickeln und entfalten. Die Vorbereitungen auf die Auswanderung begannen mittels des breiten Angebots zum Erlernen von Fremdsprachen sowie der Auswanderungsberatung ganz allgemein. Wie Pisareks Fotografien zu entnehmen ist, wurden sowohl Englisch als auch Spanisch und Hebräisch zum Spracherwerb angeboten. In mehreren Aufnahmen gibt der Fotograf Einblicke in klassenzimmerähnliche Situationen, in denen jung und alt zusammensitzen und dem Sprachunterricht folgen. Die in den Fotos zu verfolgenden Tafelbilder informieren über die unterrichteten Sprachen – englisch, spanisch, hebräisch. Die allgemeine Auswanderungsberatung wurde vom Jüdischen Hilfsverein in der Oranienburger Straße 31 übernommen. Die Flure und Warteräume zeigt Pisarek überfüllt von Menschen, die hier auf Beratung und Informationen hoffen, während sie ihre Wartezeit mit der Lektüre von Zeitungen oder Büchern verbringen (Abb. 6).[14] Die angespannte Situation wird deutlich in den mitfotografierten Wandanschlägen, welche z.B. die Besucher bitten „Politische Gespräche zu unterlassen“ oder Hinweise auf Bücher wie „Jeder der Auswandern will braucht dieses Buch“ geben. Wie in den zuletzt besprochen Aufnahmen ist Pisareks fotografischer Stil dadurch charakterisiert, mittels der Fotografie konkrete visuelle Informationen zu vermitteln.
„Hachschara“ und „Alija“
Einen eigenen Bereich innerhalb des Themas der Auswanderung bilden die Fotografien, welche die Ausbildungs- und Schulungseinrichtungen der zionistisch orientieren „Hachschara“ dokumentieren.[15] „Die zunehmende Diskriminierung der Juden verschaffte der „Hachschara“-Bewegung in der Anfangsphase der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland großen Zulauf. Neben der Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina bedeutete die „Hachschara“ vor allem für die jüdische Jugend eine der letzten Möglichkeiten überhaupt eine Berufsausbildung (Umschichtung im damaligen Sprachgebrauch) zu erlangen.“[16] Die Jugendlichen wurden, zum Teil auf Mustergütern in Brandenburg, in den Techniken und Gewerken der Landwirtschaft ausgebildet, um sie so bestmöglich auf die Situation in Palästina vorzubereiten. Die auf den Fotos gezeigten praktischen Tätigkeiten sind alle im Stil und der Bildsprache der neusachlichen Fotografie gehalten: Tiefenscharfe Aufnahmen in klar aufgebauten Kompositionen lassen alle wichtigen Details erkennen und informieren über die jeweiligen Gewerke.
Alle Aufnahmen sind in einem zuversichtlichen und optimistischen Tenor gehalten, wie man ihn – aus heutiger Sicht – kaum mit der zeitgleichen politischen Situation von Entrechtung und NS-Terror zusammenbringt. Dies zeigt an, dass die Fotos wie die Unternehmungen der „Hachschara“ einer eigenständig jüdischen Intention folgten: Sie sind nach Innen – auf die jüdische Gemeinschaft – gerichtet und intendieren eine positive, auf die Auswanderung nach Palästina gerichtete Botschaft. Nicht zuletzt sind sie sicher auch als Werbung für die zionistischen Organisationen und ihre Option für die Ausbildung und Auswanderung der jungen Generation zu verstehen. Die „Hachschara“ konnte auf die Arbeit der zionistischen Verbände zurückgreifen, die bereits seit den 1920er Jahren die junge jüdische Generation auf die „Alija“ vorbereitet hatte. Seit der Entstehung des politischen Zionismus im 19. Jahrhundert stand der Begriff „Alija“ für die jüdische Einwanderung nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel. In mehreren von der „Alija“ getragenen Auswanderungswellen („Alija“ 1–4) kamen zehntausende junge Menschen nach Palästina. Die fünfte „Alija“ erfolgte im Zeitraum von 1930 bis 1939 und brachte die größte Zahl von europäischen jüdischen Einwanderern (250.000) nach Palästina. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers kamen zwischen 1933 und 1936 allein 164.000 Jüd:innen legal nach Palästina, neben weiteren illegalen Flüchtlingen. Die überwiegende Mehrheit ließ sich in den Städten nieder; allein nach Tel Aviv zogen etwa die Hälfte der Einwanderer. Auch zu den Initiativen der „Alija“ finden sich Fotografien von Pisarek. Mit ihnen dokumentierte er die Vorbereitung und Durchführung der „Alija“ durch die Berliner Büros. 1938 fotografierte er beispielsweise auf Ausstellungen zur „Alija“ Informationstafeln – ähnlich Organigrammen –, die den Werdegang der Jugendlichen „Alija“-Teilnehmer vorstellen. Weitere Fotos zeigen Abschiedsfeiern der „Jugend-Alija“ u. a. mit dem einschlägigen Slogan dieser Jahre „Erez Israel braucht uns – wir brauchen Erez Israel“. Unter dem Nazi-Regime gewann die „Alija“ wie die zionistischen Organisationen insgesamt eine neue Bedeutung: Palästina war zu einem der wenigen, noch möglichen Fluchtorte vor der nationalsozialistischen Verfolgung geworden. Die zionistische Überzeugung stand in diesen Jahren bei der Entscheidung für das Auswanderungsland Palästina nicht unbedingt im Vordergrund – Palästina bedeutete schlichtweg eine der wenigen Möglichkeiten, eine Zuflucht außerhalb Europas zu finden.
Was die Auswanderungsanstrengungen der Erwachsenen Berliner Jüd:innen anbelangt, so kam dem „Palästinaamt“ – der Zentrale der Zionistischen Vereinigung für Deutschland – in der Meineckestraße in Berlin eine besondere Stellung zu. Dieses Amt organisierte die Ausreise nach Palästina und wurde zeitweise von den NS-Organen bevorzugt unterstützt um die Dezimierung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zu beschleunigen. Während viele jüdische Organisationen nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten für ein Ausharren in Deutschland plädierten, arbeitete das „Palästinaamt“ ausschließlich für die Durchführung der Emigration nach Palästina. Hierzu gehörte die Beratung der Auswanderungswilligen, die Vermittlung von Umschulungs- und Vorbereitungskursen sowie die Organisation der Reise selbst. Auch verteilte das „Palästinaamt“ die für die Ausreise notwendigen Einwanderungszertifikate, die absolut notwendig waren für die legale Einreise in das britische Mandatsgebiet.[17] Pisarek zeigt eine solche Informations- und Beratungssituation, wie sie in den Räumen des „Palästinaamtes“ durchgeführt wurde. Im Vordergrund aufgereiht sieht man die ‚Auswanderungswilligen‘, die sich hier zusammen gefunden haben auf der Suche nach Informationen, während im Hintergrund an der Wand eine Landkarte und ein Plakat Hinweise auf die Situation geben: Die Landkarte links zeigt einen geografischen Ausschnitt von Palästina, das Plakat rechts trägt die Betitelung „Beth Alef“ oder „Alef Beth“ wohl als Hinweis auf das hebräische Alphabet.[18]
Fotografie in Serie
Während die bisher besprochenen Fotografien einen überwiegend dokumentarischen Charakter haben, greift Pisarek in anderen Aufnahmen auf gestellte Szenen zurück, die er zu einer Serie zusammenstellt. Thema der Bilderfolge aus der Zeit von 1935/36 ist wieder die Auswanderung. Auf allen Aufnahmen ist – neben anonym bleibenden Statisten ein Paar zu verfolgen, bei dem es sich um das Ehepaar Behrendt handelt mit dem der Fotograf persönlich bekannt war.[19] Das Paar tritt in mehreren, aufeinander folgenden Fotografien auf und veranschaulicht bzw. spielt den Ablauf der Auswanderung von den ersten Planungen im privaten Wohnzimmer über die Beratung in den Räumen der Auswanderungsberatung und schließlich die Abreise auf dem Bahnhof durch. Den Beginn macht eine privat anmutende Szene in der die Eheleute Behrendt in einem Wohnraum zusammen mit zwei spielenden Kindern gezeigt werden (vgl. Abb. 10). Das Ehepaar selbst sitzt leicht vornübergebeugt am Tisch und scheint mit den Planungen zur Auswanderung beschäftigt. Der zur Fotografie überlieferte Titel „Bei der Auswanderungsplanung“ liefert – falls nötig – die einschlägigen Informationen. Wie auf einer Theaterbühne wird die Szene inszeniert und fotografiert, wobei das Ehepaar Behrendt mit den Kindern Schauspielern gleich eingesetzt wird. Sie spielen allerdings kein fiktives, sondern ein vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Ereignisse höchst realistisch gehaltenes Stück. Die nächste Aufnahme zeigt das Ehepaar inmitten einer Menge von ebenfalls Wartenden im „Wartesaal der Auswandererberatungsstelle des Jüdischen Hilfsvereins in der Oranienburgerstraße 31“ – wie der mitüberlieferte Titel der Fotografie besagt (vgl. Abb. 11). Herr und Frau Behrendt sind mittels ihrer Platzierung, Haltung und Gestik deutlich aus der anonymen Menge hervorgehoben. Sie sind in der Mitte der Aufnahmen angeordnet, Herr Behrendt hat seinen Hut abgenommen und wendet sein Gesicht den Betrachter:innen frontal zu. Seine Frau steht direkt neben ihm, mit der Tasche unter dem Arm. Auch ihr Gesicht ist klar und deutlich im Profil zu erkennen. Zwei weitere Fotografien zeigen noch einmal das Ehepaar mit Kindern. Dieses Mal befinden sie sich inmitten einer Bahnhofsszene (vgl. Abb. 12, 13). Unter Einsatz der Fotomontage werden hier visuell höchst suggestiv die Szenen zur Abreise veranschaulicht. Dabei werden die Eheleute mit den beiden Kindern in eine Fotografie hinein montiert, die einen Zug zeigt, der in der Bahnhofshalle zur Abfahrt bereitgestellt ist. Inschriften wie „Wir warten“ und die Vergrößerung von gestapelten Koffern, die ebenfalls in das Foto hinein montiert wurden, demonstrieren die Fiktion des durchlaufenen Planungs- und Ausreiseprozesses höchst realistisch. Die Bilderserie schließt mit der Abreise am Bahnhof.
Fotomontagen
Wie schon in der gerade besprochenen Serie zu sehen, verwendet Pisarek in diesen Jahren die Fotografie nicht nur zur Dokumentation der Wirklichkeit. Vielmehr wird er zum fotografischen Gestalter des Bildmotivs der Auswanderung bzw. der Suche nach möglichen Orten des Exils. Für die Informationsbroschüre des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“ und unter dem Titel „Für unsere Auswanderer“ von 1935/37 stellt er mehrere von ihm selbst stammende Fotografien zu einer neuen und eigenen Bildkomposition zusammen. Im Bildvordergrund und streifenförmig übereinander angeordnet sind mehrere Motive zu erkennen, die aus dem fotografisch-dokumentarischen Repertoire Pisareks dieser Jahre stammen. Dazu gehören die karteikartenähnlichen Schriftstücke sowie die Titelblätter von jüdischen Zeitschriften und Informationsbroschüren am unteren Bildrand. Darüber angeordnet findet sich eine Gruppe von Männern und Frauen und ganz links Frauen, die an Karteikästen stehen bzw. Papiere einordnen.[20] Die den Bildvordergrund bzw. den unteren Rand der Fotografie bestimmenden Einzelmotive wurden von Pisarek vor das bildbeherrschende Panorama einer sich weit öffnenden Hafenbucht gesetzt. Mit der Brücke im Mittelgrund, den Schiffen und inselähnlichen Ausbuchten dominiert diese „Hoffnungslandschaft“ das fotografische Bild. Überschrieben ist die Aufnahme mit dem Motto „Für unsere Auswanderer“. Dass die Frage der Auswanderung für die Jüdi:nnen in Deutschland zu Ende der 1930er Jahre immer drängender wurde, bezeugt Pisarek mit einer Aufnahme von 1939, die eine Straßenszene vor dem Reisebüro „Palestine & Orient Lloyd Travel in Berlin“, Meineckestrasse 10 zeigt.[21] Eine dichte Menge steht Schlange um in das Reisebüro eingelassen zu werden – alle auf der Suche nach einem Fluchtweg aus Deutschland.
In einigen seiner Fotografien verfeinert Pisarek das Bildmedium der Fotomontage zu einer eigenen Kunst. Auch diese kreisen um das Thema der Auswanderung. In der Montage mit dem Titel „Wohin“ von 1935 kombiniert er verschiedene Fotografien miteinander und gestaltet daraus ein neues fotografisches Kunstbild. Am rechten Bildrand sind die Porträts eines Mannes und einer Frau – jeweils im Halbprofil – zu sehen. Ihre Gesichter scheinen aus einem von Wolken gesäumten Himmel aufzutauchen. Ihnen gegenüber – auf der linken Bildhälfte – ist ein Globus platziert auf den sich ihre Blicke hoffnungsvoll und sehnsüchtig richten. Mit der aus mehreren Einzelaufnahmen montierten Fotografie gestaltet Pisarek die Suche nach einem sicheren Zufluchtsort für die verfolgten deutschen Jüd:innen. Im Falle der hier verwendeten Portraitfotografien konnte die Identität der portraitierten Personen ermittelt werden. Es handelt sich um die Schauspielerin Claire Arnstein und ihren Kollegen Heinz Heilborn. Beide waren Mitglieder im „Kulturbund“ für den Pisarek ebenfalls als Fotograf arbeitete.[22] Die mit der Fotografie intendierte Suche nach einem sicheren Exil nahm weder für Claire Arnstein noch für Heinz Heilborn einen positiven Ausgang. Sie konnten nicht emigrieren und wurden in den Konzentrationslagern ermordet.[23]
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Pisareks berufliche Neuorientierung mit ihrer thematischen Ausrichtung auf die jüdische Lebenswelt ist zu entnehmen, dass er mit seinen Fotografien sowohl auf die existentielle Bedrohung seiner beruflichen Situation als auch auf die gegen die jüdische Bevölkerung als Ganzes gerichteten Repressalien des NS-Staates reagierte. Die Strukturen und Aktivitäten der „Jüdischen Selbsthilfe“ werden zu Bildmotiven einer Fotografie, die der Diffamierung, Entrechtung und Verfolgung entgegengestellt werden. Die Vielfalt der Bildmotive bezeugen wie tief Pisarek in diese erzwungene Neuorientierung der jüdischen Gesellschaft involviert war, was ihn zugleich zu einem fotografischen Zeitzeugen werden ließ. Das Bildmedium der Fotografie wird von Pisarek als ästhetisches wie als politisches Werkzeug der Repräsentation genutzt. Sowohl in ihrer dokumentarisch-sachlichen Ausrichtung wie in Bilderserien und Montagen zeigen seine Fotografien die visuelle (Selbst-)Inszenierung und Neustrukturierung jüdischen Lebens in den Jahren zwischen 1933 und 1941. Zugleich und unausgesprochen sind die Aufnahmen Gegenbilder zur Bildpropaganda der Nationalsozialisten, wie sie beispielsweise in der NS-Zeitung DerStürmer[24]oder auch in der gleichgeschalteten Tagespresse allgegenwärtig waren.[25] Auffallend ist, dass, bis auf wenige Ausnahmen, nicht die Gewalt des NS-Regimes zum Thema der Fotografien wird, sondern der jüdische Alltag im Status einer Parallelgesellschaft.
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[1] Vgl. die Rezension von Michael Wildt zum Band von Joachim Schlör: Jüdisches Leben in Berlin 1933–1941. Jewish Life in Berlin 1933–1941. Fotografien von Abraham Pisarek in: H-Soz-Kult 21.06.2013, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-19069. Der Katalogband stellt rund 100 Fotografien Pisareks zusammen. Die Überlieferungsgeschichte von Pisareks Fotografien ist lückenhaft. Nach 1945 lebte er in West-Berlin und nahm seine Tätigkeit als Fotograf wieder auf – u.a. begleitete er den Neubeginn einer antifaschistischen DDR. Seine Fotos blieben im Besitz der Familie. Erst nach dem Tod von Abraham Pisarek (1983) übergaben seine Kinder sein Archiv und die überlieferten Fotografien verschiedenen Sammlungen. Dazu gehören: die „Deutschen Fotothek“, das „Archiv der Akademie der Künste“, die Bildagentur „akg-images“, das „Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz“ (bpk) und die „Sächsische Landesbibliothek–Staats- und Universitätsbibliothek Dresden“ (SLUB).
[2] Um nur zwei Beispiele zu nennen: Hazel Rosenstrauch (Hg.): Aus Nachbarn werden Juden. Ausgrenzung und Selbstbehauptung 1933–1942, Berlin 1988; Beate Meyer, Hermann Simon (Hg.): Juden in Berlin 1938–1945, Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, Berlin 2000.
[3] Geboren 1901 in Przedbórz/Łódź, gestorben 1983 in West-Berlin. Ausführliche biografische Angaben vgl. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/abraham-pisarek (15.1.2026),https://www.deutschefotothek.de/documents/kue/90011828 (9.1.2026). Joachim Schlör: Jüdisches Leben in Berlin 1933–1941. Jewish Life in Berlin 1933–1941. Fotografien von Abraham Pisarek, Berlin 2012, S. 21 ff.
[4] Über die KPD lernte er John Heartfield kennen, mit dem er zeitweise auch zusammenarbeitete. Die Freundschaft mit Max Liebermann brachte Pisarek in Kontakt mit Künstlern der Weimarer Republik, die er in seinen Fotografien porträtierte.
[5] Von der Gestapo waren die noch in Berlin verbliebenen Jüd:innen in die Rosenstraße gebracht worden und sollten von dort aus deportiert werden. Antonia Leugers (Hg.): Berlin: Rosenstraße 2–4. Protest in der NS-Diktatur. Neue Forschungen zum Frauenprotest in der Rosenstraße 1943, Annweiler 2005.
[6] Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/juedische-selbsthilfe (15.1.2026); Alfred Meirer: „Wir waren von allem abgeschnitten“. Zur Entrechtung, Ausplünderung und Kennzeichnung der Berliner Juden, in: Hermann Simon, Beate Meyer, (Anm. 2), S. 89–106.
[7] Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/juedische-winterhilfe.html (15.1.2026).
[8] Eine Seite aus dem Jüdischen Gemeindeblatt mit dem Titel „Sie alle warten auf Dich!“ zeigt einen Aufruf für die Jüdische Winterhilfe (Jüdisches Gemeindeblatt, Nr. 41, 9, Oktober 1938).
[9] Das Gemälde gehörte zur Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin in der Oranienstraße, das noch 1933 eröffnet wurde. Seit der Pogromnacht von 1938 gilt es als verschollen. Pisarek dokumentierte es in einer Aufnahme von 1936. Siehe Schlör, (Anm. 3), S. 26.
[10] Samuel Hirszenberg (1865–1908) hatte das monumentale Gemälde in Reaktion auf die Pogrome von 1903 in Kishinew gemalt, die eine der Ursachen für die jüdischen Fluchtwellen aus Osteuropa wurden.
[11] Die Arbeit der im September 1933 gegründeten „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ bedeutete eine Gratwanderung: Ihre Existenz wie ihre Handlungsoptionen waren sowohl das Ergebnis der Aushandlungen der Reichsvertretung wie das der nationalsozialistischen Entrechtungspolitik. Beate Meyer: Tödliche Gratwanderung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939–1945), Göttingen 2011, hier S. 25-122.
[12] Umgekehrt erkannte der NS-Staat die „Reichsvertretung“ als Gesamtvertretung der Jüd:innen in Deutschland an. Schlussendlich aber, und nur aus dem Rückblick zu erkennen, „erleichterte sie für die NS-Behörden [als reichseinheitliche Organisation] die bürokratische Kontrolle der jüdischen Bevölkerung.“ Beate Meyer: Gratwanderung zwischen Verantwortung und Verstrickung – Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde zu Berlin 1938-1945, in: Beate Meyer, Hermann Simon (Hg.): Juden in Berlin 1933–1945. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, Berlin 2000, S. 291–337, hier S. 331.
[13] „Daher entstand der Eindruck, dass die Nürnberger Gesetze die neue Situation der Juden im Deutschen Reich stabilisierten. Sie waren seit dem 30. Januar 1933, gelinde gesagt, Bürger zweiter Klasse; ihre fast vollkommene Isolierung von der übrigen Bevölkerung war eine Angelegenheit von Wochen, noch nicht einmal von Monaten gewesen – eine Folge des Terrors, aber auch der außergewöhnlichen Bereitschaft ihrer Mitbürger, sie im Stich zu lassen.“ Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München, Berlin 2011, S. 214.
[14] Pisarek hatte sich bereits 1933 um ein Einwanderungsvisum für die USA bemüht, das aber vom amerikanischen Generalkonsulat abgelehnt wurde. Schlör, (Anm. 3), S. 177.
[15] Zur „Hachschara“ und der Schulung von jüdischen Auswanderern auf ländlichen Gütern bei Berlin vgl. Ulrike Pilarczyk (unter Mitarbeit von Ulrike Mietzner): Gemeinschaft in Bildern. Jüdische Jugendbewegung und zionistische Erziehungspraxis in Deutschland und Palästina/Israel, Göttingen 2009.
[16] 1934 verzeichnete die deutsche „Hechaluz“ rund 15.000 Mitglieder. Rund 3.500 Menschen wurden zu dieser Zeit in den „Hachschara“-Lehreinrichtungen ausgebildet. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hachschara#cite_ref-2 (15.1.2026).
[17] Chana C. Schütz: „Trotzdem“. Zionisten in Berlin, in: Beate Meyer, Hermann Simon (Hg.), (Anm. 2), S. 129-146, hier S. 131; Francis R. Nicosia (Hg.): Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1933–1941. Tübingen 2017.
[18] Schlör, (Anm. 3), S. 178.
[19] Ebenda, S. 27.
[20] Die exakten Vorlagen habe ich bislang nicht gefunden, aber sehr ähnliche Aufnahmen aus diesem fotografischen Repertoire z.B. die Montage von jüdischen Zeitungen (Abraham Pisarek:
Jüdische Winterhilfe, Fotomontage jüdische Zeitungen mit Davidstern, 1937/38, akg images), Frauen an den Karteikästen und Wartende in den Räumen der Auswanderungsberatung. Vgl. Schlör, (Anm. 3), S. 183, 181.
[21] Ebenda, S. 178.
[22] Der „Jüdische Kulturbund“ wurde als Reaktion auf die Ausgrenzung der im Kulturbereich tätigen Jüd:innen durch den nationalsozialistischen Staat gegründet. Vgl.: Akademie der Künste (Hg.): Geschlossene Vorstellung. Der Jüdische Kulturbund in Deutschland 1933–1941, Berlin 1992; Gabriele Fritsch-Vivié: Gegen alle Widerstände. Der Jüdische Kulturbund 1933–1941. Fakten, Daten, Analysen, biographische Notizen und Erinnerungen, Berlin 2013.
[23] Von Heilborn ist das KZ Buchenwald als Ort seiner Ermordung bekannt.
[24] Ab 1933 hing Der Stürmer auch in öffentlichen Schaukästen, den sogenannten Stürmerkästen, aus. Die Wochenzeitung gilt als das bedeutendste antisemitische Publikationsorgan des Dritten Reiches und auch wenn sie kein Parteiorgan war, war die Zeitschrift mit ihrer Bildpropaganda immens einflussreich. Karl-Heinz Reuband: Die Leserschaft des „Stürmer“ im Dritten Reich. Soziale Zusammensetzung und antisemitische Orientierung, in: Historical Research, Vol. 33/2008, No. 4, S. 214–254, hier S. 215.
[25]Der Stürmer steigerte mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 seine Auflage beträchtlich und erreichte 1938 mit fast einer halben Million Exemplaren seine größte Auflagenhöhe. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/die-zeitung-der-stuermer.html (11.2.2026)