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Aktuelle Seite: Jäger_Rezension_Stiegler_Oscar Gustav Rejlander_Fotogeschichte 180_2026

Jens Jäger

 

Two Ways of life

Zahllose Wege der Fotografie

Bernd Stiegler: Gedanken sichtbar machen. Oscar Gustav Rejlander und die viktorianische Photographie (= O.G.R. Bd. I), Leipzig: Spector Verlag, 2025, 304 S., zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 42 Euro.

Bernd Stiegler (Hg.): Oscar Gustav Rejlander. Die Wahrheit der Photographie. Gesammelte Schriften aus dem Englischen von Uwe Hebekus (= O.G.R. Bd. II), Leipzig: Spector Verlag, 2025, 208 S., zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 28 Euro.

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 180, 2026

 

Die englische viktorianische Fotografie ist nicht gerade ein Schwerpunkt neuerer fotohistorischer Forschung. Aber das Thema ist ein Dauerbrenner. Schon lange ist es immer wieder Gegenstand von Ausstellungen, Mono- und Biografien sowie Studien zu Einzelaspekten. Bereits um 1900 wurden Teile der viktorianischen Fotografie während der Bewegung der Kunstfotografie „wieder“ entdeckt – hier auch Rejlander. In den Debatten um 1930 hingegen war Rejlander weniger präsent. Walter Benjamin z.B. konstatierte, dass die Blüte der Fotografie u.a. mit den Namen „Hill und Cameron“ verbunden sei.[1] Gemeint sind David Octavius Hill (1802–1870) und Julia Margaret Cameron (1815–1879). Doch seit den 1970er Jahren wird relativ konstant auch Rejlander als Fotograf der Epoche gewürdigt. Eine deutschsprachige Monografie über ihn lag jedoch bislang nicht vor.[2]

Oscar Gustav Rejlander (1813–1875) war einer der vielseitigsten Fotografen dieser Epoche, aber – wie es Bernd Stiegler einschätzt – er war auch eine „Grenzfigur“ (Bd. I, S. 12) und „derjenige Photograph […], dessen Werk es zu studieren gilt, will man verstehen, welche Rolle die Photographie im viktorianischen England einnahm“ (S. 10). Stiegler möchte diese Einschätzung mit den beiden vorliegenden Bänden erhärten. Der erste Band, Gedanken sichtbar machen. Oscar Gustav Rejlander und die viktorianische Photographie, stellt den Fotografen in neun, thematisch gegliederten, Abschnitten vor. Die Darstellung beschränkt sich auf Rejlanders Tätigkeit als Fotograf und streift nur sehr knapp sein Leben bevor er als Fotograf auftritt. Der zweite Band vereint in deutscher Übersetzung alle bislang bekannten und greifbaren Texte Rejlanders zu fotografischen Themen (Oscar Gustav Rejlander. Die Wahrheit der Photographie. Gesammelte Schriften). Auch diese sind thematisch gegliedert, wenngleich auf andere Weise als im ersten Band. Beide Bände sind gut illustriert und zeigen, wo immer möglich, die im Text oder den Quellen erwähnte Fotografien.

Rejlander, geboren 1813 in Schweden, kam um 1840 nach England. Er war ausgebildeter Maler und Miniaturporträtist und wandte sich Anfang der 1850er Jahre der Fotografie zu. Sichtbar wurde er als Fotograf zunächst in Wolverhampton, 1862 wechselte er dann nach London, wo er 1875 starb. In seiner ersten Schaffenspause war er experimenteller, dann in London etwas konventioneller. Es gelang ihm offenbar rasch, Zugang zu den damals relevanten Kreisen der (Amateur-)Fotografie zu verschaffen, darunter die oben erwähnte Julia Margaret Cameron. Wenig später konnte er die Sympathie von Prinz Albert, des Ehemannes der Königen Victoria, erlangen. Diese Kontakte und Netzwerke waren für Rejlander, wie Stiegler gut nachweist, bedeutsam und für seine Arbeit als Fotograf mit entscheidend (Vgl. Bd. I, Kap. 1 und Kap. 4). In der viktorianischen Fotografie lassen sich Amateurkreise und Berufsfotografen schlecht trennen. Viele suchten die Anerkennung in der Welt der Amateure – sie war wichtig für Reputation und Sichtbarkeit und das wirkte sich oft positiv auf kommerzielle Erfolge aus. FotografInnen, die in beiden Welten zuhause waren, mussten sich in der ästhetischen Debatte um Fotografie zu positionieren, so auch Rejlander. Entsprechend orientierten sich viele zeitgenössische Fotografen an der Malerei, an deren Themen und Ästhetik. Als ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen „Kunst“ und Fotografie galt seinerzeit, dass Kunst stets Ideen oder Gedanken, subjektive ästhetische Auffassungen auszudrücken habe. Fotografie hingegen galt als (zu) dokumentarisch und (zu) realitätsreproduzierend. Insofern ist Stieglers Titelgebung: Gedanken sichtbar machen kaum allein Kennzeichen von Rejlanders Arbeiten, sondern Ziel der Mehrheit ambitionierter Fotografen. Besonders sein wohl bekanntestes Werk The Two Ways of Life, einem aus 32 Einzelbildern zusammengesetzten höchst allegorischen Werk konnte große Aufmerksamkeit erzielen. Es wurde auch 1857 auf der großen Art Treasures Exhibition in Manchester gezeigt. Die Kritik war zwar gespalten, Rejlander aber als Name in der künstlerisch ambitionierten Fotografie damit etabliert. Immerhin erwarb Königin Viktoria einen Abzug für ihre eigene Sammlung.

Unabhängig von den Diskussionen um Two Ways of Life zeigt sich Rejlander als einer der Väter der Fotomontage, wobei die Kombination von verschiedenen Negativen nicht seine ureigene Idee gewesen ist. Wichtiger ist, dass Rejlander seine Experimentierfreude im Umgang mit dem fotografischen Material offenbart. Dafür sprechen auch seine künstlerisch ambitionierten Arbeiten (Porträt, Allegorie, Genrebilder) ebenso wie seine Aktaufnahmen, sogenannte „Studien“, die er zu künstlerischen Zwecken anfertigte. In der kommerziellen Fotografie variierte er klassische Studioporträts. Überliefert sind auch Carte de Visite-Bilder sowie halbdokumentarische Aufnahmen von Straßenkindern (Bd. I, S. 227–259). Auch als wissenschaftliches Instrument sah er die Kamera – das wird besonders deutlich in seinen Arbeiten, die Charles Darwin 1872 für sein Buch The expression of the emotions in man and animalsbenutzte (Bd. I, S. 201-227). Stiegler macht deutlich, dass Fotografien unabhängig davon, ob sie ursprünglich als Studie, Genrebild, Porträt oder Experiment entstanden, auch in anderen Kontexten verwendet werden konnten. Deutlich ist das z.B. bei Rejlanders Selbstporträts, die in Darwins Buch als Visualisierung von Emotionen benutzt wurden (Bd. I, S. 221–224). Ebenso sind die Fotografien von Straßenkindern später in christlichen Traktaten publiziert worden, nun aber mit moralisierenden Bildunterschriften versehen. Kurz: Die gleiche Fotografie wurde in verschiedenen Kontexten mit je unterschiedlichen Botschaften versehen (Bd. I, S. 265–-275), die mit den ursprünglichen Intentionen Rejlanders wenig zu tun hatten. Das ist durchaus typisch für FotografInnen nicht nur in der viktorianischen Zeit: Austesten der Fotografie und ihren ästhetischen, technischen und kommerziellen Möglichkeiten. Eine Reihe der bekannten Bilder Rejlanders „wanderten“ regelrecht durch die Medien: als Originalabzug, als Stich, als Reproduktion in verschiedenen Druckverfahren.

In der Tat gelingt es Stiegler am Beispiel Rejlander, tief in die Verzweigungen der Fotografie als künstlerisches Mittel, als visuelles Experiment, als repräsentative Bildform bürgerlicher Identität einzusteigen oder eben Abweichungen davon zu beschreiben. Klar wird aus den Ausführungen auch, dass Fotografie nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden darf, sondern stets in ihren vielfältigen Beziehungen zur gesamten Bilderwelt einer Epoche steht. Anders wäre The Two Ways of Life nicht verständlich, aber ebenso wenig die Fotografien von Straßenkindern, als deren visuelle Paten auch die seit der frühen Neuzeit bekannten Bilderserien der so genannten Cris de Paris oder Cries of Londonanzusprechen wären. Bernd Stiegler kann also seine einleitenden Einschätzungen durchaus nachweisen, allerdings gelten zahlreiche der angesprochenen Aspekte, etwa die Vielfalt des Œuvres, das Bewegen zwischen Kommerz und Kunst, das Schwanken des ökonomischen Erfolges, die Vernetzung in der einschlägigen „Fotoszene“, nicht allein für Rejlander, sondern auch für andere viktorianische FotografInnen. Somit ist die Aussage, Rejlander als „Schlüssel“ zur viktorianischen Fotografie Englands begreifen zu müssen, vielleicht etwas gewagt. Freilich ist der Fotograf eine Persönlichkeit, der Stiegler eine besondere Sympathie entgegenbringt.

Für ein deutschsprachiges Publikum mag die Übersetzung der Quellentexte hilfreich sein, dennoch wären parallel die englischen Originale begrüßenswert, zumal es den ernsthaft an viktorianischer Fotografie Interessierten unterstellt werden darf, dass sie Englisch zumindest lesen können. Es ist auch etwas inkonsequent, weil in Bd. I und in den einleitenden Passagen zu den Abschnitten in Bd. II durchaus englisch zitiert wird. Kurz: so ganz erschließt sich der Aufwand einer Übersetzung nicht. Im Übrigen sind Rejlanders Schriften überschaubar: meistens sind es kurze Artikel und Leserbriefe aus zeitgenössischen fotografischen Fachzeitschriften (insgesamt 48 von Rejlanders Hand, zwei Beiträge anderer Autoren über ihn). Schade ist ferner, dass keine aktuelle Bibliografie angefügt ist – der Forschungsstand versteckt sich in den Endnoten. Die chronologische Liste der Gesammelten Werke findet sich in Bd. I (S. 297 f.), wäre aber in Bd. II sinnvoller aufgehoben. Insgesamt ist der Weg über Rejlanders Biographie und Schriften sicherlich ein guter Einstieg in die viktorianische Fotografie oder besser: die Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts, da die technische, kommerzielle, ästhetische und experimentelle Entwicklung des Mediums stets transnational zu denken ist. 

 

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[1] Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie [1931], in: Wolfgang Kemp/Hubertus von Amelunxen (Hg.): Theorie der Fotografie I-IV, München 2006, hier: Abschnitt II, S. 200.

[2]  Zuletzt erschien: Oscar G. Rejlander. Artist Photographer (zugl. Ausstellungskatalog Ottawa: Canadian Photography Institute of the National Gallery of Canada sowie J. Paul Getty Museum, Los Angeles), New Haven, London 2018.

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