
Susanne Regener
The Family of Man – revisited
Gunnar Schmidt, Frank Wache: Menschheitsfamilien. Bildprogramme 1955/2025, Emsdetten/Berlin: Edition Imorde, 2025, 117 S., 19 x 25 cm, 84 Abbildungen in S/W und Farbe, Broschur, 32 Euro.
Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 179, 2026
Eine Ausstellung buchstäblich für die Welt über die Menschen, die auf dem Globus leben: Wem ist noch TheFamily of Man im Gedächtnis? Zwischen 1955 und 1962 sahen über 10 Millionen Menschen diese große Fotoausstellung mit 503 Fotografien, an der 273 Fotograf:innen aus 68 Ländern teilgenommen haben. Das ist das größte fotografische Unternehmen und die erfolgreichste Fotoausstellung aller Zeiten. Spiritus rector der Schau war der 1879 in Luxemburg geborene und in den USA aufgewachsene Edward Steichen, der um 1900 eine beeindruckende Karriere begann. Steichen war bereits ein bekannter Fotograf und Kurator mit eigener Galerie (Galerie 297 New York, gemeinsam mit Alfred Stieglitz), als er als Direktor der Fotosammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York mit der Konzeption für TheFamily of Man begann.
Zur Eröffnung der Ausstellung hieß es, The Family of Man sei eine Fotoausstellung, die universelle Elemente und Gefühle und die Einzigartigkeit des Menschen zeigen wolle. Fotografie wurde hier zum ‚global player‘ erhoben. Das New Yorker Museum war nach dem Zweiten Weltkrieg auch das weltweit erste Kunstmuseum, das eine Fotosammlung aufbaute. Mit The Family of Man wurden Fotografien, die vorher nur in illustrierten Zeitschriften wie Life, Paris Matchoder Stern in Reportagen eingebettet zu sehen waren, für ein Museumspublikum an die Wände gebracht. Das heißt aber auch, dass Fotografien jeweils aus dem Kontext einer Bildgeschichte gerissen wurden. Ebenso wurde der ethnografisch dokumentierende Anspruch von Fotos im Rahmen einer spezifischen Erzählung ignoriert. Als Fragmente isoliert, hat Steichen die Bilder vergrößert und zu neuen Szenarien für seine Ausstellung zusammengestellt. Denn ihm ging es genau darum: generalisierende Bildaussagen zu machen, überindividuelle Aussagen zu treffen, unabhängig von Zeit und Raum. Nach der Inaugurationsausstellung im MoMA reiste das Unternehmen bis 1962 durch mehr als 150 Museen weltweit und wurde dann von der amerikanischen Regierung auf Wunsch Edward Steichens seinem Geburtsland Luxemburg geschenkt. Das UNESCO „Weltdokumentenerbe“ wurde umfangreich restauriert und ist heute im Schloss Clervaux zu sehen. Um – wie es auf der Website des Museums heißt – die zeitgenössische Stimmung einzufangen, hat man versucht, den historischen Parcours und die Bilderfolge einzuhalten.
Das Buch „Menschheitsfamilien“ ist die Gemeinschaftsarbeit des Kultur- und Medientheoretikers Gunnar Schmidt und des Bildjournalisten und Werbefachmannes Frank Wache. Es will zum 70-jährigen Jubiläum der Ausstellung nicht die Inhalte dieser wiedergeben, sondern unter neuen medialen Aspekten Aufmerksamkeit für Bildprogramme schaffen. Die Autoren reflektieren über mediale Produktion und Lesart der Fotografien. Ist Steichens Vision von der Darstellung universeller Bilder und seine damalige Konzeption des ‘Allgemein-Menschlichen‘ heute noch erfahrbar? Der Untertitel des Buches „Bildprogramme 1955/2025“ verweist auf einen vergleichenden Ansatz. Einerseits wird die historische Ausstellung auf ihren Realitätsgehalt, die ästhetischen Dimensionen und ihre Bildkonventionen befragt. Andererseits – und da wird die Publikation zu einem spannenden und überraschenden Seh-Erlebnis – werden Stock Photography und KI-generierte Bilder den ausgewählten Fotografien aus der legendären Ausstellung TheFamily of Man an die Seite gestellt.
Vor der großen Bildstrecke im Zentrum des Fotobuches diskutiert ein einleitender Essay das historische Projekt Edward Steichens. Im Rekurs auf fototheoretische Kritiken, wie sie von Allan Sekula, Roland Barthes, Susan Sontag und Christian Caujolle vorgenommen wurden, wird die fotohistorische Wirkung (in der westlichen Welt) vor Augen geführt. Sekula beispielsweise war 1981 harsch in seiner Beurteilung der von Edward Steichen intendierten Harmonie, wie Schmidt/Wache konkludieren: „die naiven Bilder würden in die Nähe der Heile-Welt-Ikonografie der Werbung rücken.“ (13) Die Frage ist, ob nicht gerade die Bilder, die KI-generiert sind oder aus einem kommerziellen Archiv wie Getty Images stammen, genau diesen Befund unterstreichen. Das Projekt, das Schmidt/Wache in dem umfangreichen Bildteil vorstellen, nimmt seinen Ausgang bei 19 der insgesamt 37 Themen der Steichen-Ausstellung: Aus den Sujets wird jeweils eine Fotografie ausgewählt, die mit zwei weiteren Bildern zum Thema montiert wird. Eine Fotografie ist aus der kommerziellen Bildagentur IStock und ein Bild, das eine Fotografie nachbildet, wurde gepromptet, also dem Text-to-Image-Tool Midjourney ‚zugeflüstert‘ und als KI-Bild erzeugt. Der Beschreibungsbefehl ist jeweils im Anhang nachzulesen: In Briefmarken-Größe werden alle 84 Bildbeispiele mit den Quellenangaben noch einmal aufgeführt. Die drei übereinandergelegten Bilder des Buchumschlags – hier geht es um die Darstellung von Familie mit mehreren Generationen – deuten bereits die Methodik an: drei Fotos, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise und zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlicher Technik produziert wurden und aus differenten Archiven stammen, sollen zum Vergleich anregen.
Beispielhaft für den Ansatz von Schmidt/Wache ist eine Doppelseite, die links das ikonische Foto „Migrant Mother“ von Dorothea Lange aus dem Jahr 1936 in einem dreiviertel Seiten-Format zeigt und für den Bereich „Armut“ steht. Wir sehen eine Frau, die mit gerunzelter Stirn, die Augenbrauen zusammengezogen, in einer Geste des Nachdenkens oder Verlorenheit versunken, ein Baby im Arm trägt. Zwei Kinder schmiegen sich mit abgewandtem Gesicht an die Schulter der Mutter. Die heimatlose Mutter, Arbeiterin in einem Erbsenpflücker Zelt-Camp in Kalifornien, wurde mit dieser Fotografie zum Symbolbild für die sogenannte Große Depression in den USA. Auf der rechten Seite sind zwei weitere Bilder zu sehen: das obere, schwarz-weiße Bild ist von der KI-Anwendung Midjourney Pro Plan mit Hilfe einer Textbeschreibung (Prompt) durch die Autoren erzeugt worden. Die Aufgabenstellung an die KI lautete: „Photograph, Family of Man, a woman is holding her mouth up, with two young children around, in the style of great depression.“ (112) Aus offenbar verschiedenen Vorschlägen der KI haben die Autoren dieses Foto ausgewählt, das als eine dramatische Steigerung der Szene begriffen werden kann. Die verzweifelten und zum Heulen verzerrten Gesichter der Kinder unterstreichen den (an)klagenden Ausdruck der Mutter, über der Szene liegen graue Einfärbungen. Der Titel für das IStock-Foto darunter lautet: „Obdachlose Personen“. In beiden Fällen wurden die Begriffe obdachlos, heimatlos und arm mit Schmutz sowie dem Ausdruck tiefer Verzweiflung verbunden. Das KI-generierte Foto hat einige ‚Fehler‘, die sofort ins Auge fallen: ungewöhnliche ‚Doppelbelichtungen‘ an den Augen, Knubbel im Gesicht, unproportionierte Hände, ein Finger geht im Gesicht der Mutter auf. Noch suchen wir feixend nach diesen Unterscheidungsmalen, doch bald wird die Rechenleistung der KI so gut sein, dass solche Irritationen getilgt sind.
Der Vergleich der Bilder zeigt nicht nur die Übertreibung des Ausdrucks bei Aufnahmen der Stock Photography ebenso wie bei KI generierten Bildern, sondern im Sinne Steichens auch den Willen zur Homogenisierung von Gefühlsausdrücken. Die universalistische Idee der historischen Bildersammlung, die nun mit anderer Medialität konfrontiert wird, bringt nicht nur die Ästhetik in Verwandlung. Die Bildwelt der TheFamily of Man wird auf diffuse Art nochmals nobilitiert und bestätigt in ihrem Wunsch, das Allgemein-Menschliche auszustellen. Der Entzug von sozialer und kultureller Spezifik durch Stock Photography und Maschinenbilder führt zu einer neuen Wertschätzung der vielen Pathosformeln in Steichens Bilderschau. Die Kuratierung der Fotografien für dieses Buch regt nicht nur die Auseinandersetzung mit Ästhetik und Medien sowie mit bildproduzierenden Ideologien und Technologien an. Dieses Fotobuch wirft ganz grundsätzliche Fragen zum dokumentarischen Wert von Fotografien auf. Hier wäre idealerweise eine Ausstellung anzuschließen, die auch mehrere Agentur- und KI-Bilder zu einem Thema vorstellen könnte. Dann ließe sich auch über das Menschenbild diskutieren, dass seit siebzig Jahren medialisiert wird.