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Aktuelle Seite: Clara Bolin_Gender im Fotobuch_Editorial

Clara Bolin

 

Gender im Fotobuch

Positionen, Perspektiven, Politiken

Editorial

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 180, 2026

 

Nachdem Anton Holzer und Ulrich Keller 2010 im Themenheft zu Fotobüchern im 20. Jahrhundert (Fotogeschichte, Heft 116) noch kritisierten, das museale Interesse am Medium Fotobuch sei kaum zu beobachten, ist heute die Situation eine andere: Dieses Themenheft geht auf einen Workshop im Münchner Stadtmuseum zurück, der im Dezember 2023 unter dem Titel Frauen, die Bücher machen nach einer feministischen Geschichte des Fotobuchs fragte und dabei reichlich von der dortigen Sammlung mit über 25.000 Publikationen profitierte.[1] Gemeinsam mit den Besucher:innen der Veranstaltung wurde durch Positionen geblättert, über Perspektiven gestaunt und Politiken diskutiert.

Zahlreiche nationale Fotobuch-Anthologien wurden, so formulierte es Russet Lederman pointiert, von Männern über Männer verfasst. Dieser Perspektive wurde unlängst mit How We See. Photobooks by Women und What They Saw. Historical Photobooks by Women 1843–1999 zwei Publikationen und Wanderausstellungen entgegengestellt, die einen anderen Blickwinkel einnehmen.[2] Lässt sich Ledermans Beobachtung noch auf die zwei Bände Autopsie. Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945 übertragen, weist die deutschsprachige Fotobuchforschung ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis auf.[3] Dies zeigt sich auch in dem von Anja Schürmann und Steffen Siegel herausgegebenen Fotogeschichte-Themenheft „Neue Perspektiven der Fotobuchforschung“ (Heft 159, 2021). Darin gehen die Autor:innen Fragen der Rezeptionsästhetik, Verlagsgeschichte und Buchwissenschaft nach. Das vorliegende Themenheft knüpft an diese Ansätze an, kürzere Beiträge fragen nach der Anschlussfähigkeit von Konzepten aus den Gender Studies für die Fotobuchforschung: Wie lassen sich Kanonkritik, Intersektionalität oder queere Perspektiven auf die Auseinandersetzung mit dem Medium Fotobuch übertragen? Welche Ausschlüsse werden sichtbar, wenn wir uns mit Autor:innenschaft, Arbeitsteilung und Sammlungspolitiken beschäftigen? Welche Rolle spielen Gender, Klasse oder race dafür, wer Bücher machen und publizieren kann? 

Viele dieser Fragen ließen sich auch entlang von Fotobüchern von Männern verhandeln, werden in diesem Heft jedoch exemplarisch anhand von Publikationen von Frauen thematisiert. Am Beispiel von Frankreich hat Delphine Bedel herausgestellt, dass es Frauen bis 1881 verboten war, als Druckerin, Verlegerin, Autorin oder Typografin tätig zu sein.[4] Obwohl Lederman Beispiele ab den 1880er Jahren präsentiert, stellt sie einen Wandel in den Publikationsstrategien hin zu mehr Sichtbarkeit für Fotobüchern von Frauen erst in ab den 1970ern fest. Sie führt diese Verschiebung auf die Ende der 1960er Jahre einsetzende Frauenbewegung zurück.[5] Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die meisten der hier besprochenen Fotobücher in die letzten 50 Jahre fallen. 

Fotobuch-Anthologien, Leselisten, Lehrpläne oder Sammlungskonzepte bilden Kanones als Referenzrahmen, die festlegen, welche Positionen und Perspektiven als grundlegend für wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse gelten. Die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung eines feministischen Kanons: „Wenn feministisches Wissen nicht zum Kanon gehört, müssen die Frauen jeder Generation immer wieder mühselig und auf sich allein gestellt Wissen suchen“.[6] Die Literaturwissenschaftlerinnen Dîlan Çakir und Marcella Fassio sind Mitglieder des Zusammenschlusses #breiterkanon, der 2020 gegründet wurde, um Kanondiskussionen zu bündeln und bestehende Kanones kritisch zu hinterfragen. Ein Gespräch thematisiert anhand ihrer Forschung zu Aktivismus in der Literatur und zu Erschöpfungsnarrativen, wie Formen von Widerstand und Müdigkeit etablierte Kanonstrukturen herausfordern, und fragt nach interdisziplinären Anschlussmöglichkeiten, etwa dort, wo Fotobücher als aktivistische Medien gelten können und zugleich soziale und politische Themen wie Erschöpfung oder sexualisierte Gewalt verhandeln. Die Position, Sorgearbeit nicht als individuelle Last, sondern als ethische und politische Verantwortung zu verstehen, verhandelte jüngst ein Themenheft der Zeitschrift photographies.[7] Diesem Ansatz geht Giulia Cramm am Beispiel der Fotobücher zu Frauenhäusern von Brigitte Kraemer nach. 

Intersektionale Perspektiven auf das Fotobuch haben Mariamah Attah und Taous Dahmani eingefordert: Klasse, race, der sozioökonomische Hintergrund sowie die politischen Rahmenbedingungen schaffen unterschiedliche Zugänge zu Publikationsmöglichkeiten.[8] Von den 19 hier versammelten Fotobüchern sind sämtliche in europäischen Verlagen erschienen, auch dasjenige einer argentinischen Fotografin. Politische Rahmenbedingungen prägen das Publizieren, sowohl in seiner Produktion als auch in der Distribution, wie die von Ben Krewinkel betriebene Website Africa in the Photobook oder die Anthologie Tropical Reading zur südostasiatischen Landschaft und den Herausforderungen von Zensur zeigen.[9]

Einer historischen Perspektive auf Ein- und Ausschlüsse geht Annekathrin Müller am Beispiel von Fotobüchern von Frauen in der DDR nach. Intersektionale Ansätze lassen sich jedoch nicht nur hinsichtlich der Produktionsmöglichkeiten analysieren. Dzifa Peters etwa diskutiert anhand von Nikki S. Lee.Projects, wie Lee durch das Nachstellen sozialer Rollen, die Aneignung kultureller Codes und die Inszenierung ihres Körpers performativ Identitäten erzeugt und soziale Strukturen sichtbar macht. Der Aufbau des Fotobuchs unterstützt die Multiperspektivität der Identitäten, was den performativen Ansatz der Bilder verstärkt. 

Bereits Müllers Beitrag verdeutlicht die Vielzahl an Akteur:innen in der Fotobuchproduktion. Der Begriff der „Autor:innenschaft“ wurde von Bettina Lockemann als „schwierige Kategorie“ beschrieben und Russet Ledermann hebt die Herausforderung hervor, den Anteil von Frauen in arbeitsteiligen Prozessen zu rekonstruieren.[10] Einer anonymen Arbeitsteilung geht Fabian Röderer-Williams anhand von Jill Poseners aktivistischen Fotobüchern nach. Dabei greift er den aus dem Englischen kommenden Begriff des lesbian-informed auf, der feministische Projekte aus einem lesbischen Erfahrungswissen heraus beschreibt. Dass Mehrfachdiskriminierung in diesem Kontext relevant ist, zeigt sich auch an der Fotobuchhistoriografie: Elizabeth McCauslands 1942 erschienener Aufsatz „Photographic Books“ zählt zu den frühsten Auseinandersetzungen mit dem Medium, wird aber kaum berücksichtigt, was Kirsten Lubben auf McCauslands Lesbentum und ihre linke politische Haltung zurückführt.[11]

Auf der Verlagsebene bleiben Frauen häufig unsichtbar: Sonja Palade skizziert die arbeitsteilige Produktionsgemeinschaft der Firma Adprint, die Mitte des 20. Jahrhunderts illustrierte Buchreihen für Verlage herstellte. Eng verbunden mit Exilgeschichte(n) und Flucht, verweisen die Beispiele auf die Frage, welche Lücken sich nicht mehr schließen lassen. Das abschließende Gespräch mit Thekla Ehling, Teresa Gruber und Tania Prill bündelt die zuvor aufgeworfenen Fragen nach Sichtbarkeit und Zugängen und diskutiert, welche Druckerzeugnisse wie gesammelt, präsentiert und produziert werden – von der Lehre über Archive bis zur eigenen kollaborativen Publikationspraxis.

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[1] Das Sammlungsgebiet #3 der Sammlung Fotografie beinhaltet Bücher und Kataloge, RARA-Bände, Magazine und Zeitschriften, Auktionskataloge sowie eine eigenständige Bibliothek zur Technikgeschichte der Fotografie, siehe Website Münchner Stadtmuseum: https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sammlungen/fotografie/sammlungsgebiet-3-buecher-rara-baende-zeitschriften, (Zugriff: 11.12.2025).

[2] Siehe Russet Lederman, Olga Yatskevich: Introduction, in: dies. (Hg.): What They Saw. Historical Photobooks by Women 1843–1999, New York 2021, S. 4–5, hier S. 4.

[3] Siehe beispielsweise Burcu Dogramaci, Désirée Düdder, Stefanie Dufhues, Maria 

Schindelegger, Anna Volz (Hg.): Gedruckt und erblättert. Das Fotobuch als Medium ästhetischer Artikulation seit den 1940er Jahren, Köln 2016; Anja Schürmann: Show, don’t tell? Research-based Fotobücher von Laia Abril, Christian Patterson und Regine Petersen, in: Karen Fromm, Sophia Greiff, Anna Stemmler, Malte Radtki (Hg.): image/con/text/ Dokumentarische Praktiken zwischen Journalismus, Kunst und Aktivismus, Berlin 2020, S. 162–181 oder Steffen Siegel: Fotografische Ostpakete. Das Fotobuch DDR Frauen fotografieren von Gabriele Muschter und die deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte, in: Fotogeschichte, 44. Jg., Heft 174, 2024, S. 35–40.

[4] Siehe Delphine Bedel: Feminism: What’s in a Word?, in: Antonio Cataldo, Adrià Julià (Hg.): Photography Bound. Reimagining Photobooks and Self-publishing, Oslo 2023, S. 22–27, hier S. 23.

[5] Siehe Russet Lederman: Stand Up and Speak Out!, in: Das Fotobuch in Kunst und Gesellschaft. Partizipative Potenziale eines Mediums, hg. v. Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, Berlin 2020, S. 413–424, hier S. 419.

[6] Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit, München 2021, S. 16.

[7] Siehe Marthe Tolnes Fjellestad, Elin Haugdal, Stephanie von Spreter, Hanna Stien: Introduction: on Photography and Care, in: Photographies, 18. Jg., Heft 1, 2025, S. 3–21, hier S. 5.

[8] Siehe Mariama Attah: Remapping Photobook History, in: Lederman, Yatskevich, (Anm. 2), S. 7–15, hier S. 12; Taous Dahmani: Missing Photobooks: A Symptomatic Reading on the Reasons for and Impact of the Lack of Publications by Black British Photographers in the 1970s and 1980s, in: Paul Edwards (Hg.): The Photobook World. Artists’ Books and Forgotten Social Objects, Manchester 2023, S. 74–84.

[9] Website Africa in the Photobook, hg. v. Ben Krewinkel: https://africainthephotobook.com (Zugriff: 11.12.2025); Fotobook DUMMIES Day, Liu Chao-tze u. Lin Junye (Hg.): Tropical Reading. Photobook & Self-Publishing, Maastricht 2022.

[10] Siehe Bettina Lockemann: Das Fotobuch denken. Eine Handreichung, Berlin 2022, S. 19, Ledermann, Yatskevich, (Anm. 2), S. 5.

[11] Siehe Kirsten Lubben: Partial Histories: Looking at Photobooks by Women, in: Russet Lederman, Olga Yatskevich, Michael Lang (Hg.):How We See. Photobooks by Women, New York City 2018, S. 13–17, hier S. 14.

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