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Aktuelle Seite: Roth_Rezension_Lisette Model. Retrospektive_Fotogeschichte 180_2026

Helene Roth 

 

Widersprüchliche Identitäten

Neue politische Sichtweisen auf das Leben und Werk von Lisette Model 

 

Walter Moser (Hg.): Lisette Model. Retrospektive, mit Beiträgen von Damarice Amao, Duncan Forbes, Astrid Mahler, Walter Moser, Arne Reimer, Audrey Sands, und Ann Thomas, München, London, New York: Prestel Verlag 2025, 256 S., 24 x 30 cm, 200 Abb. in Farbe und 50 Abb. in S/W, gebunden, 49 Euro.

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 180, 2026

 

Der mit Leinen überzogene Einband lädt zu einer haptischen Annährung an das Werk der österreichisch-amerikanischen Fotografin Lisette Model (1901–1976) ein. Die textile Oberfläche des Umschlags fühlt sich warm und weich ein. Auf der visuellen Ebene verstärkt der pastellblaue Hintergrund diesen Eindruck. Beides, das weiche Leinen und der zarte Blauton, steht im Kontrast zu der harten, ungeschönten Aufnahme einer korpulenten, badenden Frau, die quer über die Diagonale an der Meeresbrandung posiert. Ihr Blick ist schräg nach oben abgewendet. Der Bildausschnitt ist gewagt und betont die voluminösen Oberarme und das Dekolleté der Badenden. Die zwischen 1939 und 1941 auf Coney Island in New York entstandene Aufnahme zählt zu den bekannten Motiven aus Lisette Models Œuvre und referiert auf ein weiteres Bild der Badenden, das sie breitbeinig stehend im Wasser zeigt und als Cover für die erste Monografie im Jahr 1979 bei Aperture Book geplant war. Model war jedoch mit der Interpretation ihres Werks nicht einverstanden, zog die Publikation zurück und erst 2007 erschien eine Version mit einem Vorwort der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott.[1] Das Cover des Ausstellungskatalogs der Albertina Wien bezieht sich womöglich bewusst auf diese Geschichte und Werk-Rezeption, da sich in der hauseigenen Sammlung der Originalentwurf der damaligen Monografie befindet, der auch in der Ausstellung zu sehen ist. 

Der von Walter Moser, dem Leiter der Fotosammlung der Albertina, herausgegebene Ausstellungskatalog reiht sich in eine beachtliche Anzahl an bereits publizierten Katalogen zu Lisette Model ein und muss sich damit den Herausforderungen einer Repetition ihres Werks stellen. 1992 erschien anlässlich der ersten europaweiten Retrospektive im Museum Ludwig in Köln von Reinhold Mißelbeck und Ann Thomas, der damaligen Fotokuratorin an der National Gallery of Canada (wo sich der Nachlass von Model befindet) und Lisette Model-Entdeckerin, der erste Katalog.[2] Während hier noch keine Fakten über die Photo League und die Vernehmungen in der McCarthy-Ära erwähnt sind, finden sich darin bereits weniger bekannte Serie ab Ende der 1940er Jahre, wie der West Coast, Venezuela und Jazz-Aufnahmen.[3] In den weiteren Dekaden folgen insgesamt fünf weitere Ausstellungskataloge zu Lisette Model, darunter im Jahr 2000 der letzte deutschsprachige Katalog in der Kunsthalle Wien.[4] Die Publikation erwähnt die wesentlichen Themen, die auch der Katalog der Albertina Wien behandelt. Walter Moser versammelt für den Ausstellungskatalog neben Ann Thomas durchweg Stimmen aus der kuratorischen und sammlungsbezogenen Praxis, wie Damarice Amaro (Kuratorin für Fotografie am Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou Paris), Duncan Forbes (Sammlungsleiter Fotografie am Victoria & Albert Museum in London) und Audrey Sands (Kuratorin für Fotografie am Harvard Art Museums, Boston). Eine Ausnahme ist der Fotograf und Autor Arne Reimer. Alle Autor:innen haben bereits zu relevanten Inhalten aus Lisette Models Werk geforscht.[5] Im Katalog wird die hellblaue Farbe des Einbandes für die wissenschaftlichen Beiträge aufgegriffen. Ein Design, das bereits der Ausstellungskatalog Lisette Model – Street Life (Mailand 2021) in ähnlicher Weise verwendet hat.

Die Aufsätze behandeln verschiedene Themen entlang der Biografie von Lisette Model und versuchen die Mystifizierung ihres Werks weiter aufzudecken. Das Anliegen des Kataloges ist es daher, das Leben und Werk „mit einem neuen und differenzierten Blick“ (S. 6) zu untersuchen, indem auch ihre künstlerische Sozialisierung in Wien und die politische Botschaft ihrer Bilder genauer untersucht werden. Dies wird insbesondere in den ersten fünf Beiträgen des Katalogs und der von Astrid Mahler (Kuratorin Fotosammlung Albertina) verfassten Biografie deutlich. Lisette Model kam 1901 als Elise Amélie Stern (später Seybert) in einer großbürgerlichen multilingualen Familie in Wien zur Welt, wo sie Klavier und Gesang studierte. Ihre Jugend im Kontext der Wiener Moderne arbeitet Walter Moser in seinem Beitrag heraus und zieht Parallelen zum fotografischen Werk, das das Interesse an der expressiven Wahrnehmung des Körpers, einem ungeschönten Körperbild und der Groteske teilt. 

Nach dem Tod des Vaters Victor Seybert im Jahr 1924 zog Lisette Model mit der Mutter und den Geschwistern nach Frankreich, wo sie in Nizza und Paris lebten. Nach dem Abbruch ihres Gesangsstudiums bei Maya Freund widmete sie sich ab 1933 autodidaktisch der Fotografie. Bereits ein Jahr später, entstand die Serie „Promenade d’Anglais in Nizza“. Weitere Aufnahmen sind Porträts auf den Pariser Straßen, die einen differenzierten Blick auf die Hauptstadt bilden.  Damarice Amao verortet Models Fotografien aus dem französischen Exil in der sozialpolitischen Stimmung der Zwischenkriegsjahre. Unter dem Pseudonym Lise Curel publizierte Model die Fotostrecke „Promenade d’Anglais“ als Collage in der kommunistischen französischen Zeitschrift Regards (28.2.1935) und kritisierte darin die privilegierte Schicht an der Côte d’Azur, wo „sich die abscheulichsten Exemplare der Spezies Mensch in weißen Sesseln räkeln“ (S. 62). Model verschwieg zu Lebzeiten diese Aktivitäten, wohl als Schutz gegenüber politischen Anfeindungen im Exil und den ab den 1950er Jahren andauernden Anhörungen des FBI in der McCarthy-Ära aufgrund ihrer Tätigkeiten in der New Yorker Fotovereinigung Photo League. Dort hatte sie 1941, bereits drei Jahre nach ihrer Emigration in die USA, ihre erste Einzelausstellung.[6] Das Sehen mit einer „aktiven Linse“ ist der Ausgangspunkt des Beitrags von Duncan Forbes, der ihre Fotostrecken in US-amerikanischen Magazinen wie PM’s Weekly, Harper’s Bazaar, Look, U.S. Camera, Minicam Magazine analysiert. Es ist erstaunlich, wie schnell Model in New York Fuß fassen und ihre Arbeiten veröffentlichen konnte. Ihr Debüt hatte sie 1941 mit einem Coverbild in PM’s Weekly, einer Reportage in Harper’s Bazaar zu Coney Island und der Serie „Running Legs“ im Minicam Photography (siehe dazu Audrey Sands Beitrag). Diese Reportagen bieten eine differenzierte, neue Lesart und zeigen, dass ihre Aufnahmen auf Interesse stießen. Schön wäre es gewesen, wenn die Reportagen im Katalog größer abgedruckt und in einem Publikationsverzeichnis im Anhang zusammengetragen geworden wären. 

Der Bildteil im Katalog bietet mit über 200 Abbildungen in großformatigen Aufnahmen eine beeindruckende Schau des Gesamtwerks. Ein Großteil stammt aus der Sammlung der Albertina, ergänzt durch den Estate Lisette Model Baudoin Lebon Paris, der National Gallery of Ontario und der Galerie Julian Sander Köln. Bei der vertiefenden Lektüre fallen drei ockerfarbene Bereiche auf (S. 46–48, S. 118–120 und S. 140), die eine Innovation des Katalogs sind: Sie veranschaulichen die spezifische Arbeitsweise von Lisette Model. Während die beiden letzten Beispiele anhand von Kontaktabzügen das serielle Arbeiten zeigen, veranschaulicht das erste Beispiel die Technik. Auf dem Kontaktabzug markierte Model mit einem roten Stift den gewünschten Ausschnitt für ihre Aufnahme. Hier wird erstmals ersichtlich, dass die Fotografin ihre berühmten Ausschnitte von Personen nicht mit ihrer Kamera fertigte, sondern die Ausschnitte in der Dunkelkammer vergrößerte. In der Ausstellung sind in einer Vitrine die Kontaktabzüge präsentiert und bieten einen direkten Vergleich mit den vergrößerten Aufnahmen an den Wänden. Im Katalog wird leider darauf nicht näher eingegangen, auch nicht auf die spezifische Handhabung ihrer Mittelformat-Kamera, die ein dynamisches, aktives Fotografieren einforderte.

Die Beiträge von Audrey Sands, Ann Thomas und Arne Reiner erweitern bisherige Forschungen zum Werk von Lisette Model ab Ende der 1940er Jahre. Am Beispiel des Netzwerks zur US-amerikanischen Fotografin Berenice Abbott und der Journalistin Elizabeth McCausland beschreibt Sands Models quasi zweite Karriere als Lehrerin an der New School for Social Research (1951) nachdem mit Beginn der McCarthy-Ära und den Anhörungen durch das FBI in den 1950er Jahren ihre Aufnahmen nur noch wenig Anerkennung fanden. Die drei Frauen unterstützten sich gegenseitig, so prägte McCausland maßgeblich die zeitgenössische Rezension von Lisette Model und schrieb 1941 beispielsweise den Text zu ihrer Serie „Running Legs“ für Minicam Photography

Ann Thomas Beitrag bietet eine erste Interpretation der Werkserien ab den 1950er Jahren, in denen Lisette Model nach ihren Anhörungen durch das FBI oftmals nun weniger provokativ fotografiert und eine andere Bildsprache als in den Jahren zuvor verwendet. Im Jahr 1953 reiste Lisette Model nach Italien, im darauffolgenden Jahr nach Venezuela. Während die erste Reise im Kontext familiärer Gründe lag und Model sich währenddessen mit ihrer Kamera auf den Spuren antiker Denkmäler und Relikte begab, war die Reise nach Venezuela eine Einladung der Regierung, um die Ölvorkommen nahe des Maracaibo-Sees zu fotografieren. Model nahm diesen Auftrag aus finanziellen Gründen an. Abseits dieser Aufnahmen, die „distanziert und unbeteiligt wirken“ (S. 206) schuf sie eine Serie von Straßenaufnahmen und über Voodoo-Puppen des Künstlers Armando Reverón, auf diese sie ihr „anhaltende Faszination für die Darstellung des menschlichen Körpers“ (ebenda) übertrug. 

Dies gilt auch die letzte große Werkserie von Jazzaufnahmen im Jahr 1956, die der Fotograf und Autor Arne Reimer kontextualisiert. Im Nachlass von Lisette Model befinden sich über 1.700 Negative, von denen viele Abzüge das erste Mal im Katalog abgedruckt und auch in der Ausstellung zu sehen sind. Model fotografierte bereits seit den 1940er Jahren Jazz-Musiker:innen in New Yorker Nachclubs, darunter auch die veröffentlichte Serie „Jazz“ in Harper’s Bazaar (1941, S. 236). Ab Mitte der 1950er Jahre entstanden Aufnahmen von Billie Holiday, Miles Davis und Louis Armstrong. Im Jahr 1954 begleitete Model mit ihrer Kamera erste Jazz-Open-Air-Festival der USA in Newport, wo erstmalig ein Bereich für Fotograf:innen direkt vor der Bühne eingerichtet wurde. Models ungeschminkte Wahrheit verwandelt sich in diesen Bildern in eine Direktheit, mit der sie die „unmittelbar spürbare Leidenschaft und die Intensivität im Spiel der Musiker:innen festhielt, die auf ihrem Instrument spontan improvisierten“ (S. 236). Umso tragischer ist es, dass sich die FBI-Anhörungen nachhaltig auf die Reputation von Lisette Model auswirkten. Ihre geplante Publikation, die das früheste monografische Jazz-Fotobuch der Geschichte gewesen wäre, kam nicht zustande, da die Mäzenin Helena Rubinstein aufgrund einer negativen Äußerung von Carmel Snow, der Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, ihre finanzielle Unterstützung zurückzog. 

Der Katalog erweitert mit neuen Perspektiven und Lesearten und der umfangreichen Bildauswahl den Blick auf Lisette Model und macht bisher weniger bekannte Fakten und Aufnahmen sichtbar. Solche neuen Sichtweisen wären an weiteren Stellen für den Katalog wünschenswert gewesen, wie beispielsweise der fotografischen Technik und Arbeitsweise wie auch den Netzwerken zu emigrierten Fotograf:innen und Künstler:innen in Paris und New York. 

 


[1] Vgl. Lisette Model et. al.: Lisette Model, New York 2007.

[2] Vgl. Reinhold Mißelbeck, Ann Thomas: Lisette Model: Photographien 1933–1983, Köln 1992.

[3] Diese Fotoserien sind auch in weiteren Ausstellungskatalogen abgedruckt, vgl. Ann Tomas, Stourzé Sam: Lisette Model, Paris 2002. 

[4] Vgl. Monika Faber (Hg.): Lisette Model: Fotografien 1934–1960, Wien 2000. 

[5] Vgl. die Ausstellung „Photographie, arme de classe“ (Damarice Amaro, 2018); Duncan Forbes: Renegade – Photography in the Life of Lisette Model, London 2025; Audrey Sands: Lisette Model: The Jazz Pictures, New York 2025.

[6] Vgl. Mason Klein: The Radical Camera: New York’s Photo League 1936–1951, New York 2001. 

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